Tirius betritt die Nebelkluft 6
Ein einzelner Sonnenstrahl war es, der Tirius weckte.Er brach durch das Blätterdach der Lichtung und legte sich warm auf sein Gesicht, als wolle der Wald selbst ihm Lebewohl sagen.
Ein einzelner Sonnenstrahl war es, der Tirius weckte.Er brach durch das Blätterdach der Lichtung und legte sich warm auf sein Gesicht, als wolle der Wald selbst ihm Lebewohl sagen.
Wenn der Westwald zur Ruhe kam und selbst die ältesten Bäume ihr Knarren einstellten, kehrten manchmal Bilder zurück — leise, weich und klar wie Tau auf jungem Laub.So war es auch in jener Nacht auf der Lichtung, als Tirius im Halbschlaf lag und der Wald ihn in seine Vergangenheit führte.
Der Baumriese bewegte sich lautlos durch den nächtlichen Wald, so leise, wie man es einem Wesen seiner Größe nie zugetraut hätte. Nur das gelegentliche Knacken einer uralten Wurzel verriet seine Schritte. Auf seinem breiten Ast, der wie ein lebendiger Weg diente, saß Tirius und hielt sich an der rauen Rinde fest.
Nachdem die Stimmen der Nymphen verhallt waren, machte sich Tirius erneut auf den Weg. Der Silberstrom glitt an seiner Seite dahin wie ein treuer Gefährte aus Licht. Doch je weiter er ihm folgte, desto dichter schloss sich der Wald um ihn, und der helle Gesang des Wassers wurde vom gedämpften Flüstern alter Bäume ersetzt.
Je weiter Tirius wanderte, desto heller schien der alte Westwald selbst zu atmen. Das dichte Dach der Kronen öffnete sich wie von unsichtbarer Hand, und goldene Sonnenflecken tanzten über die sanft wogenden Farnmeere. Zwischen den Stämmen huschten Rehe und Langschweife, und Vögel sangen Melodien, die Tirius seit seiner Ausbildung bei den Waldhütern nicht mehr gehört hatte – alte Lieder, die nur erklingen, wenn die Magie des Waldes erwacht.
Der Pfad zur Nebelkluft war kein Weg im klassischen Sinn. Er war eine Wunde im Westwald – ein Riss, aus dem ständig fahle Nebel strömten, der scharf wie Glas roch und nach Unheil schmeckte.
Als die Sonne sich langsam über den Horizont schob, erwachte Kiwa unter einer alten Linde. Die Nachtluft lag noch kühl über der Landschaft, doch der Morgen versprach bereits Wärme. Er setzte sich auf und blickte zurück.
Laufen war ein kleines, wettergegerbtes Dorf am Rand der Steppen von Elenar. Nur ein paar Dutzend Häuser aus hellem Holz, ein Brunnen, eine Schmiede, ein winziges Wirtshaus und dahinter endlose Ebenen, über die der Wind lief wie ein spielerischer Hund.
Der Abend senkte sich über Varethor, die Weiße Stadt im Herzen von Elenar. Die Türme glühten im letzten Goldlicht, und in den Gassen erwachten Lampen aus Glas, die wie schwebende Sterne funkelten.
Varethor – die Weiße Stadt im Herzen von Elenar – lag im warmen Licht der Nachmittagssonne, ihre weißen Steintürme funkelten wie geschliffene Kristalle über der endlosen Steppe. Händler, Reiterfürsten, Pilger, Barden und Glücksritter strömten durch die hohen Tore, und mittendrin bewegte sich ein junger Mann mit windzerzaustem Haar, federndem Schritt und einem schelmischen Grinsen: Kiwa Leichtfuß, Gaukler, Akrobat und Geschichtensammler.
Der Wind über den Steppen von Elenar war an diesem Tag schlecht gelaunt. Nicht nur ein bisschen.Er war so mürrisch, dass sogar die Gräser flach auf dem Boden lagen wie Soldaten, die hoffen, unentdeckt zu bleiben.Er fauchte, pfiff, bellte und riss an allem, was nicht festgebunden, angenagelt oder direkt von einer starken Magie gehalten wurde.
Tharon erinnerte sich an den Geruch der Steppe, lange bevor er sich an Worte erinnerte.An warmes Gras unter jungen Hufen, an den Wind, der sein Fell kitzelte, und an das ferne Donnern der Herden, das ihn nachts in den Schlaf wiegte.
Die Nacht hatte sich wie ein dunkler Schleier über Elenar gelegt. Der Wind strich flüsternd durch das trockene Gras, doch Tharon hörte es nicht mehr. Er war längst in den Schlaf gesunken – tief, schwer, getragen vom Rhythmus seines eigenen Herzens.
Tharon ritt viele Tage durch die Steppe von Elenar. Der Wind begleitete ihn, trug Staub und alte Lieder mit sich, doch je weiter er nach Westen kam, desto schwerer schien die Luft zu werden. Die weiten Gräser gingen über in dunklere Böden, und am Horizont wuchs ein Schatten, der langsam Form annahm: der Westwald.
Der Morgen brach still über Elenar an. Nebel kroch wie silberne Tücher über das Gras, und die Steppe war erfüllt von jener besonderen Ruhe, die nur in der Stunde vor dem Wind existiert. Tharon bewegte sich fast lautlos, seine Hufe sanken weich in den taufeuchten Boden.
Der Atem brannte noch in ihrer Brust, als Sira Sturmbrich das modrige Versteck verließ. Der Nachmittag war längst in dieses fahle, goldene Licht gekippt, das Dornhafen kurz vor Sonnenuntergang verschluckt.
Die ersten Rufe hallten über die Docks, noch bevor Sira Sturmbrich den Fehler ganz begriff.Nicht laut, nicht panisch – sondern gezielt.So rufen nur Männer, die wissen, wonach sie suchen.
Der Markt von Dornhafen brummte wie ein wütender Bienenstock.Händler schrien ihre Preise, Matrosen fluchten, Möwen kreischten, und aus jeder Ecke stieg ein anderer Geruch auf: gebratener Aal, würziger Eintopf, scharfer Pfeffer aus dem Süden, und natürlich der allgegenwärtige Duft von frischem – oder nicht mehr ganz frischem – Fisch.
Liora ging nun fast jeden Tag zur alten Kräuterfrau. Es war zur Gewohnheit geworden, so selbstverständlich wie der Nebel am Morgen über dem Silbersee. Sie half Baba im Haushalt, sammelte Kräuter, trocknete Blätter und Wurzeln, rührte Salben und kochte Sud über dem knisternden Feuer. Dafür lehrte Baba sie alles, was sie über Heilung wusste.
Eines Tages ging Liora allein am Silbersee spazieren. Das Wasser glitzerte im Licht der Nachmittagssonne, und das Schilf wiegte sich leise im Wind. Liora lief barfuß am Ufer entlang, sammelte kleine Steine und ließ ihre Finger durch das kühle Wasser gleiten, als sie plötzlich eine Gestalt entdeckte.
Der Silbersee lag still an diesem frühen Nachmittag, nur ein sanfter Wind kräuselte die Oberfläche wie tausend kleine Funken. Liora, damals kaum älter als sieben Sommer, sprang barfuß durch das seichte Wasser, lachte dem Echo der Möwen entgegen und sammelte bunte Steine am Ufer. Dies war ihr liebster Ort – hier fühlte sie sich geborgen, als würde der See sie kennen.
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