Laufen war ein kleines, wettergegerbtes Dorf am Rand der Steppen von Elenar. Nur ein paar Dutzend Häuser aus hellem Holz, ein Brunnen, eine Schmiede, ein winziges Wirtshaus und dahinter endlose Ebenen, über die der Wind lief wie ein spielerischer Hund.
Die meisten Kinder von Laufen spielten hinter Scheunen, kletterten auf Heuballen oder halfen ihren Eltern bei Arbeit und Feld.
Doch Kiwa Leichtfuß war anders.
Er konnte selten still sitzen, und wenn er ging, dann wirkte es fast wie ein Tanz. Er bewegte sich leicht, schnell und mit einer Art unbewusstem Rhythmus, als wäre der Boden nie ganz sicher unter seinen Füßen und er müsse ihn überlisten.
Die Dorfbewohner sagten oft scherzhaft:
„Kiwa läuft nicht – er fliegt knapp über dem Boden.“
Kiwa liebte es, alles auszuprobieren, was sich werfen, rollen, jonglieren oder balancieren ließ.
Steine, Holzstücke, Hufeisen – er warf alles in die Luft und fing es wieder, sehr zum Erstaunen der Erwachsenen, die befürchteten, das Kind würde sich eines Tages selbst die Nase brechen.
Aber Kiwa fand immer sein Gleichgewicht.
Wie ein Zweig im Wind, der sich biegt, aber nie bricht.
Einmal im Jahr zog eine kleine Händlerkarawane durch Laufen. Sie brachten Stoffe, Gewürze und seltene Geschichten mit sich. Doch Kiwa interessierte nur einer von ihnen:
Meister Barald, ein alter Gaukler mit einem Bauch wie ein Weinfass und Augen, die immer lachten.
Barald bemerkte Kiwa zum ersten Mal, als der Junge drei trockene Brotlaibe jonglierte, während er auf dem Brunnenrand balancierte.
„He du“, rief Barald überrascht, „bist du ein Junge oder ein besonders begabter Grashüpfer?“
„Ich… bin Kiwa“, sagte der Junge stolz.
„Und ich weiß nicht, warum die Sachen immer in der Luft bleiben. Sie wollen es einfach.“
Barald lachte, setzte sich zu ihm und zeigte dem Jungen Kunststücke, die er auf seinen Reisen gelernt hatte – einfache Trickwürfe, kleine Balancen, sogar das Jonglieren mit alten Messern (wobei Kiwa das erst durfte, als Barald sicher war, dass er sich nicht die Finger absägen würde).
Es waren einfache Nachmittage, aber für Kiwa war es pure Magie.
Laufen feierte jedes Jahr das sogenannte Funkenfest – ein kleines Dorffest, bei dem ein großes Feuer entzündet wurde, um den Winter endgültig zu vertreiben.
Kinder liefen mit Laternen umher, die Erwachsenen sangen und tranken, und irgendwann in dieser Nacht sagte Barald zu Kiwa:
„Du bist bereit. Zeig ihnen, was du kannst.“
Kiwa stand zitternd vor dem Funkenfeuer, ein paar Dutzend Dörfler warteten neugierig. Barald gab ihm drei bunt bemalte Holzkugeln – alte Requisiten, die schon bessere Tage gesehen hatten.
Dann begann Kiwa.
Er warf die Kugeln in die Luft, fing sie wieder, ließ sie über seine Arme rollen, hinter dem Rücken verschwinden und tauchte sie wieder auf, als hätte er die Luft selbst in einen Trick verwandelt.
Die Leute lachten, klatschten und riefen seinen Namen.
Und Kiwa fühlte zum ersten Mal den warmen, wirbelnden Funken im Herzen, der ihm sagte:
Das ist dein Weg.
Als Kiwa älter wurde, fühlte sich Laufen kleiner an als früher. Nicht, weil es sich verändert hatte – sondern weil er es hatte.
Er wollte mehr sehen, mehr erleben.
Den Wind in anderen Orten spüren.
Andere Menschen zum Lachen bringen.
Eines Morgens verabschiedete er sich vom Brunnen, von der Schmiede, vom Feld… und zuletzt von Barald, der ihm eine alte Ledertasche und eine Rolle Brot in die Hand drückte.
„Geh“, sagte der alte Gaukler. „Laufen hat dir alles gegeben, was es konnte. Der Rest wartet draußen.“
Kiwa umarmte ihn und flüsterte:
„Ich komme wieder.“
Dann wanderte er los, leichtfüßig wie immer, und das Dorf Laufen sah ihm nach, bis er nur noch ein kleiner Punkt in der Morgensonne war.
Seit diesem Tag war Kiwa Leichtfuß nicht mehr nur ein Jungenname aus einem Dorf.
Er wurde zum reisenden Gaukler, zum Meister des Gleichgewichts – und zu dem, der Menschen das Lachen zurückbrachte, wo immer er auch auftauchte.
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