Als die Sonne sich langsam über den Horizont schob, erwachte Kiwa unter einer alten Linde. Die Nachtluft lag noch kühl über der Landschaft, doch der Morgen versprach bereits Wärme. Er setzte sich auf und blickte zurück.
In der Ferne war die weiße Stadt Varethor nur noch ein kleiner, heller Punkt am Horizont – das Herz von Elenar, das nun weit hinter ihm lag.
Vor Kiwa lag der Silbersee. Sein Wasser glänzte im roten Licht des Morgens, als hätte jemand flüssiges Silber über die Oberfläche gegossen. Über dem See schwebte der bekannte weiße Nebel – dicht und ruhig wie eine Decke.
Unwillkürlich musste Kiwa an die alten Geschichten denken.
Man erzählte sich, dass Menschen im Nebel verschwunden seien. Fischer, Wanderer, manchmal sogar ganze Boote. Sie gingen hinein – und kehrten nie zurück.
Kiwa schnaubte leise.
„Nur Geschichten, damit die Leute nicht zu weit hinausfahren“, murmelte er.
Er stand auf, streckte sich und packte seine wenigen Habseligkeiten zusammen. Den kleinen Beutel mit seinem geheimnisvollen Stein band er fest an seinen Gürtel.
Dann blickte er nach Südwesten.
„Vielleicht sollte ich nach Arathun gehen“, sagte er zu sich selbst. „Dort leben Weissager. Vielleicht wissen sie etwas über meinen Kummerstein.“
Der Gedanke gefiel ihm.
Also machte sich Kiwa auf den Weg, immer am Ufer des Silbersees entlang. Die Landschaft war ruhig und schön. Der Wind strich durch das hohe Gras, und über dem Wasser kreisten einige Vögel.
Nach einiger Zeit erreichte Kiwa die große Brücke, die aus dem fruchtbaren Land von Varethor hinaus in die weiten Ebenen führte.
Von hier begann der Weg in die großen Steppen im Südwesten, in Richtung Arathun.
Die Brücke war alt, aber stark. Viele Reisende waren hier gegangen – Händler, Nomaden und Abenteurer.
Kiwa überquerte sie langsam.
Auf der anderen Seite begann eine andere Welt.
Der Weg wurde bald wilder. Das Gras wuchs höher, und die Spur der Straße verlor sich immer mehr. Schließlich war nur noch zu erahnen, wo einst Wagen gefahren waren.
Diese Steppe war früher das Land der Zentauren gewesen.
Man erzählte sich, dass ihre Herden einst durch diese Ebenen gezogen waren – stolz, schnell und frei. Doch seit vielen Jahren hatte niemand mehr einen Zentaur gesehen.
Nur die Weite war geblieben.
Und der Wind.
Mit jedem Schritt wurde die Luft wärmer. Die Vegetation wurde karger, und in der Ferne flimmerte die Hitze über dem Boden.
Kiwa ging weiter.
Der Weg war inzwischen verschwunden, doch er hielt sich einfach nach Südwesten.
Plötzlich hörte er etwas.
Ein fernes Donnern.
Zuerst war es nur ein leises Grollen. Doch es wurde schnell lauter.
Kiwa blieb stehen.
Dann sah er sie.
Ein paar hundert Meter entfernt jagte eine große Herde wilder Pferde über die Steppe.
Schwarze und weiße Tiere, stark und schnell. Ihre Mähnen flatterten im Wind, während ihre Hufe den Boden erzittern ließen. Staub wirbelte hinter ihnen auf wie eine Wolke.
Der Boden vibrierte unter Kiwas Füßen.
Er stand still und beobachtete sie.
„Wunderschön“, murmelte er.
Vielleicht, dachte er, waren ihre Vorfahren einst die Pferde der Zentauren gewesen.
Die Herde zog vorbei wie ein Sturm – und verschwand schließlich wieder in der endlosen Weite.
Kiwa blieb noch einen Moment stehen.
Dann ging er weiter.
Nicht lange danach erreichte er einen niedrigen Hügel. Als er ihn erklomm, blieb er oben überrascht stehen.
Vor ihm lag eine große Zeltstadt.
Dutzende, vielleicht hunderte Zelte standen im Kreis. Rauch stieg aus Feuerstellen auf. Händler riefen ihre Waren aus, Kinder rannten zwischen den Zelten umher, und Pferde standen an langen Leinen.
Die Nomadenstadt von Arathun.
Kiwa lächelte.
Er legte eine Hand auf den kleinen Beutel mit seinem geheimnisvollen Stein.
„Gut“, sagte er leise.
„Vielleicht bekomme ich hier endlich Antworten.“
Dann stieg er den Hügel hinunter – direkt auf die Zeltstadt zu.
Und ohne es zu wissen, begann damit ein neues Kapitel seiner Reise.
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