Der Ärgerklumpen 3

Der Abend senkte sich über Varethor, die Weiße Stadt im Herzen von Elenar. Die Türme glühten im letzten Goldlicht, und in den Gassen erwachten Lampen aus Glas, die wie schwebende Sterne funkelten.

Kiwa Leichtfuß, müde vom Tag und seinem Auftritt auf dem Platz der Stimmen, schob die Tür der Schenke “Zum Silberkrug” auf. Der Duft von warmem Eintopf, Rauch und frisch gebackenem Brot umfing ihn wie eine tröstende Decke.

„Ein Zimmer?“ fragte die Wirtin, eine rundliche Frau mit grauem Zopf.

„Wenn’s geht, eines, das nicht neben Schnarchern liegt“, antwortete Kiwa mit einem schiefen Grinsen.

Sie lachte, gab ihm den Schlüssel und stellte ihm eine dampfende Schüssel Suppe hin.
Kiwa verschlang Suppe und Brot, bis sein Bauch sich wohlig rund anfühlte. Dann schleppte er sich die knarrende Treppe hinauf, warf sich auf das einfache Bett – und schlief binnen Sekunden ein.

Doch Kiwas Schlaf blieb nicht ruhig.

Der Traum begann mit Nebel.
Dick, grau, kalt – wie eine Wand, die sich vor ihn legte.

Aus dem Nebel traten vier Gestalten hervor. Keine Gesichter, keine Farben, nur Schatten, die sich bewegten wie Rauch. Sie kamen auf ihn zu, langsam, lautlos, bedrohlich.

Kiwa wollte zurückweichen, doch seine Füße bewegten sich nicht. Dann spürte er ein Gewicht in seinen Händen.

Er sah hinab.

Der Stein, den er in Varethor erhalten hatte – der Herzstein der Tiefenwacht – lag in seinen Handflächen.
Er glimmte.
Er pulsierte.
Er atmete.

Und plötzlich strahlte er helles, reines Licht aus.

Die Schatten fauchten lautlos. Das Licht stieß sie zurück wie eine unsichtbare Mauer. Wo es auf den Nebel traf, riss dieser auseinander, als hätte jemand die Finsternis selbst zerschnitten.

„Beschütze… bewahre… erinnere dich…“ wisperte eine Stimme, die nicht menschlich klang.

Kiwa wollte fragen: Woran erinnern? Was ist zu bewahren?
Doch er konnte keinen Laut formen.

Der Stein leuchtete stärker.
Die Schatten wichen zurück.
Und dann 

Kiwa riss die Augen auf.

Schweiß stand auf seiner Stirn, und das Zimmer lag im Halbdunkel.
Der Mond warf silberne Streifen durch das Fenster.

Und da bemerkte er es.

Ein Mann hockte an seinem Rucksack.
Ein hagerer Kerl, eingehüllt in einen grauen, abgetragenen Mantel. Seine Finger tasteten gerade nach dem kleinen Holzkästchen – genau dem mit dem Herzstein.

„He! Was machst du da?!“ rief Kiwa.

Der Dieb zuckte zusammen, ließ den Rucksack fallen und stieß einen überraschten Laut aus. Kiwa sprang aus dem Bett, barfuß, aber wach wie ein Luchs.

Der Mann riss die Tür auf und rannte hinaus.

Kiwa hinterher.

Der gejagte polterte die Treppe hinunter.
Kiwa sprang gleich drei Stufen auf einmal – etwas, das er selbst morgens halb schlafend konnte. Der Dieb stolperte über einen Hocker, riss einen Tisch um, und eine Gruppe halbbetrunkener Gäste brüllte empört.

„Haltet den Kerl auf!“ schrie Kiwa.

Ein kräftiger Seemann versuchte, den Dieb zu greifen, packte aber stattdessen einen Teller und schleuderte ihn versehentlich durch den Raum. Der Teller zerschellte an einem Balken.

Kiwa duckte sich, rutschte unter dem Arm eines anderen Gastes hindurch und war plötzlich direkt hinter dem Dieb.

Der rannte auf die Tür zu.
Doch Kiwa war schneller.

Mit einem gewagten Satz sprang er über einen Barhocker, rollte über den Boden und erwischte den Mantel des Diebes an einer Naht.

„Nicht mit Kiwa Leichtfuß!“

Der Stoff riss, der Dieb taumelte – und Kiwa schnappte sich das gestohlene Kästchen.

Der Dieb rannte weiter in die Nacht hinaus und verschwand in den Gassen.

Kiwa hielt das Kästchen an seine Brust gedrückt. Noch zitterten seine Hände.
Ob es vor Adrenalin war… oder vor dem, was der Traum bedeutet hatte, wusste er nicht.

Er öffnete das Kästchen.

Der Stein lag darin Unversehrt.
Glühend – ganz leicht, als wüsste er, was gerade geschehen war.

„Du kleiner Ärgerklumpen“, murmelte Kiwa und schloss das Kästchen fest.

Er kehrte in sein Zimmer zurück, packte seinen Rucksack, zog die Stiefel an und warf einen letzten Blick auf das Zimmer, in dem er geschlafen hatte.

Der Traum… der Dieb… das Licht…
Es war kein Zufall mehr.

Der Herzstein war mehr wert, als Kiwa sich jemals hatte vorstellen können.
Und irgendjemand wusste das.

Er verließ Varethor noch in derselben Nacht.
Die Stadt lag still hinter ihm, die Steppe weit und dunkel vor ihm.

Kiwa sah zum Sternenhimmel.

„Na gut. Wenn du mich irgendwohin führen willst… dann zeig mir den Weg.“

Der Herzstein vibrierte ganz leicht in seiner Tasche.

Und Kiwa Leichtfuß machte sich auf den Weg – ohne zu wissen, dass seine Reise erst begonnen hatte.

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