Der Silbersee lag still an diesem frühen Nachmittag, nur ein sanfter Wind kräuselte die Oberfläche wie tausend kleine Funken. Liora, damals kaum älter als sieben Sommer, sprang barfuß durch das seichte Wasser, lachte dem Echo der Möwen entgegen und sammelte bunte Steine am Ufer. Dies war ihr liebster Ort – hier fühlte sie sich geborgen, als würde der See sie kennen.
Während sie spielte, hörte sie plötzlich ein Knacken im Schilf. Neugierig wie immer schlich sie näher. Zwischen den hohen Halmen entdeckte sie einen Mann: einen Jäger aus dem Dorf, den Bogen gespannt, den Blick fest auf die Wasserlinie gerichtet.
Liora runzelte die Stirn. Sie mochte Jäger nicht besonders – vor allem nicht, wenn sie es auf ihre geliebten Enten abgesehen hatten. Die Enten waren ihre Freunde, ihre ständigen Begleiter im Spiel. Sie wollte nicht, dass ihnen etwas geschah.
Der Jäger bemerkte sie nicht. Liora duckte sich in die Schilfwand und beobachtete, wie zwei Enten plötzlich aus dem Schilf aufflatterten, erschrocken, ihre Flügel schlagend. Alles ging so schnell. Der Jäger reagierte instinktiv – ein Pfeil schoss davon. Ein dumpfer Laut, kein Todeslaut, aber ein verletzter.
Eine der Enten fiel taumelnd zurück ins Schilf. Dann Stille.
Der Jäger fluchte leise, suchte eine Weile, stapfte durch die Halme, doch fand nichts. Schließlich gab er auf und verschwand den Pfad hinunter.
Liora blieb zurück – mit einem Gefühl in der Brust, das gleichzeitig Angst und Entschlossenheit war. Sie wusste: Die Ente war noch hier. Und sie brauchte Hilfe.
Vorsichtig kroch sie tiefer ins Schilf. Und da, zwischen gebogenen Halmen, fand sie sie – eine hübsche braune Ente, zitternd und mit einer kleinen, blutenden Wunde an der Flanke.
„Oh nein…“, flüsterte Liora. „Tut mir leid… ich wollte nicht, dass du verletzt wirst.“
Sie streckte ihre Hände aus – doch in dem Moment begannen sie plötzlich zu leuchten. Ein sanftes, helles Blau, wie Mondlicht, das unter dem Wasser tanzte.
Erschrocken riss sie die Hände zurück. Ihr Herz pochte. „Was… was ist das?“
Doch so seltsam es war – es fühlte sich nicht falsch an. Das Leuchten war warm. Tröstend. Es fühlte sich an, als würde etwas in ihr sagen: Nur Mut.
Sie atmete tief ein. Dann streckte sie die Hände erneut aus, langsam. Ihre Finger bebten, doch sie berührte schließlich vorsichtig das weiche Gefieder der verletzten Ente.
In diesem Moment schloss Liora unwillkürlich die Augen.
Es wurde warm. Erst in ihren Händen, dann in ihrer Brust. Ein Glücksgefühl durchströmte sie, so stark, dass sie kurz lächeln musste. Das Leuchten wurde heller – und dann… verschwand es genauso plötzlich wieder.
Liora öffnete die Augen.
Die Ente stand vor ihr, nicht mehr blutend, nicht mehr zitternd. Sie schüttelte sich, legte den Kopf schief – fast, als würde sie sich bedanken – und flog dann mit kräftigem Flügelschlag davon über den glitzernden See.
Liora blieb im Schilf sitzen, die Hände vor sich, völlig überwältigt.
„Was… war das?“ flüsterte sie. Doch tief in ihrem Inneren fühlte sie sich ruhig. Glücklich. Als hätte sie etwas getan, das schon immer in ihr vorgesehen war.
Sie wusste nicht, dass dies der erste Funke ihrer Gabe war.
Dass die Welt Mydor eines Tages auf genau diese Hände angewiesen sein würde.
Aber an diesem Tag war sie nur Liora Uferstein – ein Mädchen am Silbersee, das zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen hatte, wie Magie in ihr leuchtete.
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