Liora und die alte Kräuterfrau 2

Eines Tages ging Liora allein am Silbersee spazieren. Das Wasser glitzerte im Licht der Nachmittagssonne, und das Schilf wiegte sich leise im Wind. Liora lief barfuß am Ufer entlang, sammelte kleine Steine und ließ ihre Finger durch das kühle Wasser gleiten, als sie plötzlich eine Gestalt entdeckte.

Nicht weit entfernt stand eine alte Frau. Gebückt, mit einem Korb am Arm, sammelte sie Pflanzen und Kräuter, als würde sie genau wissen, wo sie zu finden waren. Liora blieb stehen und beobachtete sie heimlich. Etwas an der Frau wirkte fremd – und doch vertraut. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast ehrfürchtig, als spräche sie mit den Pflanzen.

Dann geschah etwas Seltsames.
Die alte Frau ging hinter eine kleine Düne aus Sand und Gras – und verschwand.

Liora runzelte die Stirn. Sie wartete. Nichts. Vorsichtig ging sie näher, umrundete die Düne, suchte im Schilf und zwischen den Steinen. Doch die Frau war fort, als hätte sie sich im Wind aufgelöst.

Verunsichert wollte Liora gerade umkehren und nach Hause gehen, als sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

„Na“, sagte eine ruhige, heisere Stimme hinter ihr,
„bin ich schon nicht mehr interessant?“

Liora erschrak heftig und fuhr herum. Vor ihr stand die alte Frau. Ihre Augen funkelten freundlich, und ein schiefes Lächeln lag auf ihrem Gesicht.
„Ich… ich dachte, Ihr seid verschwunden“, stammelte Liora.

Die Frau lachte leise. „Man findet nur, was man wirklich sucht.“

Sie gingen ein Stück gemeinsam am Strand entlang und sprachen eine Weile. Die alte Frau stellte viele Fragen, hörte aufmerksam zu und schien mehr über Liora zu wissen, als sie sagte. Am Ende verabredeten sie sich für den nächsten Tag.

 

Am nächsten Morgen war Liora ungewöhnlich früh wach. Noch lag Nebel über dem See, als sie sich auf den Weg machte. Am vereinbarten Ort wartete die alte Frau bereits – den Korb am Arm, den Blick aufmerksam auf den Boden gerichtet.

„Du bist pünktlich“, sagte sie nickend. „Das ist gut.“

Während sie gemeinsam sammelten, erklärte die Frau, dass sie eine Kräuterfrau sei. Sie zeigte Liora, welche Pflanzen heilend wirkten, welche man meiden musste und woran man sie unterscheiden konnte. Anfangs war es schwierig – so viele Gräser sahen sich ähnlich. Doch die alte Frau hatte Geduld, zeigte ihr Blätter, Stängel und Blüten, ließ Liora riechen und fühlen.

Der Tag verging schneller, als Liora dachte. Am Ende war der Korb gefüllt mit Kräutern, Wurzeln und Blüten.
„Danke für deine Hilfe“, sagte die Kräuterfrau zufrieden.

Neugierig fragte Liora: „Was macht Ihr nun mit all dem?“
Die alte Frau lächelte geheimnisvoll. „Das zeige ich dir. Komm morgen zu mir nach Hause.“

Sie erklärte ihr den Weg. Sie wohnte nicht im Dorf, sondern ein Stück abseits, dort, wo der Wind stärker wehte und die Bäume knarrten.

 

Am nächsten Tag stand Liora vor einem alten Holzhaus. Es war schief vom Wind, mit einem Strohdach bedeckt, aus dem Kräuterbündel hingen. Schon von draußen roch es nach getrockneten Pflanzen, Rauch und Holz.

Drinnen war es dunkel und warm. Ein großer Tisch stand in der Mitte, daneben eine breite Kochstelle mit rußgeschwärzten Steinen. Überall standen Töpfe, Fläschchen und Schalen. In einer Ecke befand sich ein einfaches Bett.

Hier lehrte die alte Kräuterfrau Liora, wie man Heilsalben rührte, Kräutersude kochte und einfache Heilmittel herstellte. Liora hörte aufmerksam zu, ihre Hände lernten schnell. Manchmal spürte sie ein leises Kribbeln in den Fingern, doch sie sagte nichts.

Als sie am Abend ging, war ihr Korb leer – doch ihr Herz war voll.

Liora wusste nicht, dass dies der Anfang eines langen Weges war.
Aber sie wusste eines ganz sicher:
Sie würde wiederkommen.

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