Liora und Baba 3

Liora ging nun fast jeden Tag zur alten Kräuterfrau. Es war zur Gewohnheit geworden, so selbstverständlich wie der Nebel am Morgen über dem Silbersee. Sie half Baba im Haushalt, sammelte Kräuter, trocknete Blätter und Wurzeln, rührte Salben und kochte Sud über dem knisternden Feuer. Dafür lehrte Baba sie alles, was sie über Heilung wusste.

Sie lehrte Liora, dass jedes Leben wertvoll war – ob Mensch oder Tier. Dass Schmerz keine Sprache brauchte und Heilung Geduld verlangte. Zwischen den beiden wuchs eine tiefe Freundschaft. Baba war streng, aber warmherzig, und Liora vertraute ihr wie niemandem sonst.

Bald erkannte Baba, dass Liora nicht nur Talent hatte.
Sie hatte die Gabe.

„Manche lernen das Heilen“, sagte Baba eines Abends leise, während sie Kräuter banden.
„Und manche werden damit geboren.“

Von da an lehrte sie Liora nicht nur Salben und Sude, sondern sprach auch über Leben und Tod. Dieses Thema fiel Liora schwer. Sie wollte immer retten, immer helfen, immer glauben, dass es einen Weg gab. Baba wusste das – und ließ ihr Zeit.

Einige Jahre später streifte Liora wieder einmal allein am Ufer des Silbersees entlang. Der Wind war kühl, das Wasser dunkel. Plötzlich hörte sie ein schwaches Wimmern. Zwischen Steinen und Schilf entdeckte sie einen Seeotter. Er hatte sich in einer alten Jagdfalle verfangen, eine Schlinge hatte sich tief um seine Pfote gezogen.

Die Pfote war blau angelaufen, die Wunde tief und entzündet. Der Otter war erschöpft, kaum noch bei Bewusstsein.

„Oh nein…“, flüsterte Liora.

Ohne zu zögern nahm sie ihn vorsichtig auf und rannte los. Der Weg zu Babas Haus kam ihr endlos vor. Schon von weitem rief sie ihren Namen, die Stimme voller Angst.

„Baba! Bitte!“

Sie legten den Otter sofort auf den großen Holztisch. Er war so schwach, dass er sich nicht einmal mehr wehrte. Baba arbeitete schnell, ruhig, erfahren – reinigte die Wunde, legte Kräuter auf, sprach leise Worte. Doch nichts half. Der Atem des Otters wurde flacher, unregelmäßig.

„Baba“, flehte Liora, Tränen in den Augen. „Wir müssen ihn retten.“

Baba trat schließlich vom Tisch zurück. Ihr Gesicht war ernst, traurig.
„Sein Lebenshauch ist zu schwach“, sagte sie leise. „Es ist zu spät.“

Liora schüttelte den Kopf. Sie wollte es nicht hören. Nicht diesmal.
Etwas in ihr wehrte sich – heftig, brennend.

Plötzlich begannen ihre Hände zu schimmern. Ein sanftes, tiefes Blau, wie das Licht des Sees in der Nacht. Baba erstarrte. Das Leuchten ging von Lioras Händen aus und legte sich wie ein Schleier über den Körper des Otters.

Liora spürte Wärme, aber auch eine große Schwere. Sie kniete sich nieder, legte ihre Hände auf den Otter und schloss die Augen. Sie dachte nicht mehr – sie fühlte nur noch. Leben. Hoffnung. Bindung.

Nach einer Weile brach Liora erschöpft zusammen.

Stille.

Dann… ein Atemzug.
Noch einer.

Der Otter bewegte sich schwach, aber er lebte.

Baba trat langsam näher, ihre Augen voller Ehrfurcht.
„Das“, sagte sie leise, „war keine Kräuterkunst.“

Sie legte Liora behutsam eine Decke um die Schultern.
„Du hast nicht nur geheilt“, fuhr sie fort. „Du hast gebunden, was sich schon lösen wollte.“

An diesem Tag wusste Baba es sicher.
Und an diesem Tag begann Lioras Weg – tiefer, gefährlicher und bedeutungsvoller, als sie es je geahnt hatte.

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