Das Feuer in Babas Haus knisterte leise. Draußen heulte der Wind um die schiefen Wände, doch drinnen war es warm. Der Duft von Kräutern lag schwer in der Luft, vermischt mit Rauch und Erde.
Liora saß auf einer kleinen Holzbank, in eine Decke gehüllt. Noch immer fühlte sie sich schwach. Ihre Hände lagen ruhig in ihrem Schoß – doch sie konnte das Gefühl nicht vergessen, das sie durchströmt hatte. Dieses Leuchten. Diese Wärme. Dieses… Ziehen.
Baba stand am Tisch, den Rücken zu ihr gewandt, und rührte langsam in einem Topf. Lange sagte sie nichts.
„Baba…“, begann Liora leise, „was ist mit mir passiert?“
Die alte Frau hielt inne. Dann stellte sie den Löffel zur Seite und drehte sich langsam um. Ihr Blick war ernst – ernster, als Liora ihn je gesehen hatte.
„Du hast heute etwas getan, das weit über das hinausgeht, was ich dich gelehrt habe“, sagte Baba ruhig.
Liora schluckte. „Ich wollte ihn nur retten…“
„Das hast du“, antwortete Baba. „Aber nicht mit Kräutern. Nicht mit Wissen.“
Sie trat näher, kniete sich vor Liora und nahm vorsichtig ihre Hände in ihre eigenen.
„Sondern mit deiner Gabe.“
Liora zog leicht die Stirn kraus. „Meine… Gabe?“
Baba strich mit dem Daumen über das Mal auf Lioras Handfläche – das Zeichen, das wie ein Wassertropfen geformt war.
„Ich habe es schon lange geahnt“, sagte sie leise. „Aber heute habe ich es gesehen.“
„Gesehen… was?“
Babas Stimme wurde noch ruhiger. „Du bist keine gewöhnliche Heilerin, Liora. Was du getan hast…“
Sie hielt kurz inne.
„…war ein Zurückholen.“
Liora verstand nicht. „Er war doch nur verletzt—“
„Nein“, unterbrach Baba sanft. „Er war dabei zu gehen.“
Stille erfüllte den Raum.
„Sein Lebenshauch war fast erloschen. Ich habe es gespürt. Ich konnte nichts mehr tun.“
Baba sah ihr tief in die Augen.
„Aber du… hast ihn gebunden. Du hast ihn zurückgerufen.“
Lioras Herz begann schneller zu schlagen. „Das… das kann ich doch gar nicht…“
„Doch“, sagte Baba fest. „Aber nicht ohne Preis.“
Liora zog ihre Hände zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Preis?“
Baba setzte sich neben sie.
„Die Gabe, die du trägst, ist selten. Sehr selten. Sie ist stärker als Heilung. Du kannst nicht nur Wunden schließen – du kannst Leben festhalten, wenn es zu entgleiten droht.“
Liora starrte sie an, überfordert. „Aber das ist doch gut… oder?“
Baba schüttelte langsam den Kopf.
„Es ist mächtig. Und Macht ist nie nur gut.“
Das Feuer knackte laut, als würde es ihre Worte unterstreichen.
„Es gibt eine Grenze, Liora“, fuhr Baba fort. „Zwischen Leben und Tod. Die meisten von uns können sie nur begleiten. Du aber… kannst sie berühren.“
Liora spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete.
„Ich wollte doch nur helfen…“
Baba legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Und genau das macht dich so gefährlich – und so besonders.“
Eine Weile schwiegen beide.
Dann fragte Liora leise: „Was bin ich?“
Baba lächelte traurig.
„Du bist ein Kind des Gleichgewichts.“
Sie nahm Lioras Hände erneut, diesmal fester.
„Du trägst eine Gabe, die bindet – nicht nur Fleisch und Blut, sondern den Lebensfaden selbst. Aber du musst lernen, wann du sie einsetzen darfst… und wann nicht.“
Liora senkte den Blick.
„Und wenn ich es falsch mache?“
Baba antwortete nicht sofort.
Als sie sprach, war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern:
„Dann hältst du vielleicht etwas fest… das hätte gehen sollen.“
Ein kalter Schauer lief Liora über den Rücken.
Doch tief in ihrem Inneren spürte sie noch immer dieses warme Leuchten.
Und zum ersten Mal fragte sie sich nicht nur, was sie konnte…
…sondern, was es sie kosten würde.
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