Der Traum vom Anfang und Ende 3

Die Nacht hatte sich wie ein dunkler Schleier über Elenar gelegt. Der Wind strich flüsternd durch das trockene Gras, doch Tharon hörte es nicht mehr. Er war längst in den Schlaf gesunken – tief, schwer, getragen vom Rhythmus seines eigenen Herzens.

Und er träumte.

Vor ihm breitete sich die Steppe aus wie ein endloses Meer aus Feuer und Gold. Die Gräser glänzten im Morgenlicht, und der Himmel darüber war weit, so weit, dass selbst die Ahnen darin Platz fanden. Tharon kannte diesen Ort. Es war seine Heimat – nicht so, wie sie heute war, sondern wie sie einst gewesen war.

Er hörte Hufe. Viele. Stark, frei, voller Leben.

Und dann sah er sie: sein Volk, die Zentauren von Elenar. Große, stolze Gestalten, ihre Flanken von Wind und Sonne gezeichnet. Sie galoppierten in langen Linien über die Ebene, und Tharon fühlte, wie sein Herz leicht wurde. Ein Lächeln trat auf seine Lippen, als einige junge Zentauren an ihm vorbeistürmten, lachend, voller überschäumender Kraft.

Er sah seine Mutter – ihr Fell silbergrau wie die Morgendämmerung – und seinen Vater, der Anführer der Herde, dessen Stimme selbst die Stürme lenken konnte. Sein Vater nickte ihm stolz zu, als Tharon sich ihnen anschloss.

Gemeinsam ritten sie in einem großen Kreis, das Zeichen der Verbundenheit. Die Erde bebte unter ihren Hufen, ein Klang wie Donner, doch ein Donner des Lebens, nicht des Krieges.

Ein Windstoß fuhr durch die Steppe. Erst warm. Dann kalt. Die Farben begannen zu verblassen.

Das Gold wurde grau. Der Himmel dunkler. Die Hufe der Zentauren hallten dumpfer, als würde der Boden selbst ermatten.

Tharon spürte eine Unruhe.

Dann hörte er es – ein fernes, pulsierendes Zittern. Kein Wind. Kein Donner. Etwas anderes.

Ein Flüstern.

Er wandte sich um.

Im Osten, weit hinter den tanzenden Gräsern, stieg ein Schatten auf. Erst ein Hauch. Dann eine Wand. Nebel, schwarz wie ersticktes Feuer, kroch über die Ebene wie eine hungrige Bestie.

Die Zentauren verlangsamten ihren Lauf. Einige schnaubten nervös. Andere hoben ihre Bögen.

Tharon wollte rufen, wollte fragen, doch seine Stimme blieb ihm im Hals stecken.

Der Schatten kam näher.

Der Nebel berührte die ersten Gräser – und sie starben. Das Gold wurde schwarz und brüchig, zerfiel zu Staub.

Zentauren schrien auf. Einige brachen zusammen, als hätte der Nebel ihnen die Kraft aus den Adern gerissen.

Tharons Vater hob die Hand.

„Zum Schutzkreis!“, rief er.

Sie formierten sich, Schild an Schild, Huf an Huf. Doch der Nebel lachte – ein tiefes, seelenloses Grollen.

Aus ihm heraus traten Gestalten.

Schatten, die keine Form kannten.

Schatten, die alles verschluckten.

Der erste Angriff traf hart. Pfeile flogen, Schwerter blitzten – doch gegen den Nebel war alles nutzlos. Ein Zentaur nach dem anderen fiel. Nicht tot – schlimmer. Leer. Ohne Seele. Als hätte der Schatten sie fortgezehrt.

Tharon schrie den Namen seines Vaters. Seine Mutter. Seine Freunde.

Der Nebel riss sie ihm einer nach dem anderen weg.

Am Ende stand er allein.

Der Schatten kroch an ihm hoch, kalt, erstickend. Er versuchte zu fliehen – doch seine Beine gehorchten ihm nicht.

Dann sah er sie.

Die Augen.

Zwei grün glühende Augen tief im Nebel, wie die eines Wesens, das nie hätte existieren sollen.

Sie fixierten ihn.

Ein Flüstern durchdrang seinen Geist:

„Du bist der Letzte… noch.“

Tharon fuhr hoch, schweißgebadet, sein Herz raste.

Der Mond stand über ihm, blass und still.

Doch die Steppe blieb dunkel. Und für einen Moment glaubte er, den Geschmack des Nebels noch auf der Zunge zu spüren.

Er stand auf, schüttelte die Angst ab – aber sie wich nicht.

Er blickte in die Ferne, zum Osten, dorthin, wo der Schatten im Traum aufgestiegen war.

„Ich bin nicht der Letzte“, flüsterte er.

„Nicht mehr.“

Und so begann Tharons Weg – nicht nur als wandernder Zentaur, sondern als einer, der die verlorene Geschichte seines Volkes trägt… und ihr Schicksal herausfordert.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.

Erstelle deine eigene Website mit Webador