Tharon ritt viele Tage durch die Steppe von Elenar. Der Wind begleitete ihn, trug Staub und alte Lieder mit sich, doch je weiter er nach Westen kam, desto schwerer schien die Luft zu werden. Die weiten Gräser gingen über in dunklere Böden, und am Horizont wuchs ein Schatten, der langsam Form annahm: der Westwald.
Ein riesiger Wald, dicht und beinahe undurchdringlich, seine Bäume so hoch wie Türme, sein Inneres voller Geheimnisse. Die Steppe endete abrupt, als hätte die Erde selbst entschieden, an dieser Grenze die Atemzüge zu wechseln.
Am Rand des Waldes lag eine kleine Siedlung, kaum mehr als ein Dutzend Häuser, aus Holz und schiefen Steinen errichtet. Rauch stieg aus vereinzelten Feuerstellen, Kinder rannten barfuß über den trockenen Boden, und alte Wagenräder lagen wie stumme Zeugen vergangener Reisen herum.
Als Tharon durch die schmale Gasse schritt, wurden die Gespräche leiser. Die Menschen sahen ihn mit einer Mischung aus Staunen und Ehrfurcht an. Zentauren waren hier selten geworden — vielleicht zu selten.
Da trat eine alte Frau vor ihn.
Sie sah aus, als stünden ihre letzten Monde kurz bevor: gebückt, von Falten durchzogen, die Haare wie dünne, weiße Fäden. Doch ihre Stimme, klar und jugendlich, passte nicht zu ihrem Körper.
„He, ihr… ja, ihr Gehuft-er,“ rief sie und lächelte mit überraschender Wärme. „Ihr seid weit gereist. Kommt. So könnt ihr euren Weg nicht meistern.“
Tharon hielt an und musterte sie. Da war etwas in ihren Augen — ein Funkeln, das nicht von diesem Ort stammte.
„Folgt mir“, sagte sie und deutete mit einer schnellen, fast tänzelnden Bewegung auf ein kleines Zelt am Rand der Siedlung.
Tharon senkte den Kopf und betrat das Zelt. Drinnen roch es nach Kräutern, Harz und Regen, obwohl draußen die Sonne brannte. Die Frau reichte ihm eine Schale mit kalter Suppe. „Friss“, meinte sie. „Du wirst Kraft brauchen.“
Während Tharon aß, setzte sie sich ihm gegenüber und begann zu sprechen — leise, aber mit einer Klarheit, die den Raum füllte.
„Ich habe dich gesehen“, sagte sie. „Schon vor Tagen. In einer Vision.“
Tharon erstarrte.
Visionsworte nahm man ernst. Besonders im Schatten des Westwaldes.
„Was hast du gesehen?“ fragte er.
Die alte Frau schloss die Augen. Ihr Körper wirkte gebrechlich, doch ihre Stimme klang wie aus einem Traum:
„Ich sah dich im Nebel, Sohn der letzten Herde. Du kämpfst gegen Schatten — alte Schatten, die kein Fleisch und doch Klauen haben. Und du stehst nicht allein. An deiner Seite ein Ritter… mit einem Schwert, das grün leuchtet wie lebendes Moos. Zusammen schlagt ihr gegen eine Finsternis, die ihren Ursprung nicht in dieser Welt hat.“
Sie öffnete die Augen wieder. Sie wirkten plötzlich tief, beinahe unendlich.
„Und dann“, fuhr sie fort, „hörte ich die Prophezeiung. Die Prophezeiung der fünf Helden.“
Tharon schluckte.
Er kannte die Legenden. Aber niemand hatte je geglaubt, sie würden wahr werden.
„Du“, sagte die Frau und deutete auf seine Brust, „musst das Rufhorn der Winde suchen. Nur wer es trägt, kann die Steppe selbst rufen — und den Sturm an seine Seite binden.“
Der Wind draußen erhob sich, als hätte er auf diese Worte gewartet.
„Der Ritter mit dem grünen Schwert wird dir helfen“, sagte sie. „Ohne ihn wirst du das Horn nicht finden. Und ohne dich wird er in den Schatten verloren gehen.“
Tharon senkte die Schale und sah die Frau lange an.
„Wo finde ich ihn?“
Die alte Visionärin lächelte traurig.
„Der Wald hat ihn schon aufgenommen.“
Draußen raschelten die Zweige des Westwaldes wie eine Warnung — oder wie eine Einladung.
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