Tharon – Als die Steppe noch sang
Tharon erinnerte sich an den Geruch der Steppe, lange bevor er sich an Worte erinnerte.
An warmes Gras unter jungen Hufen, an den Wind, der sein Fell kitzelte, und an das ferne Donnern der Herden, das ihn nachts in den Schlaf wiegte.
Er war noch jung gewesen, kaum größer als ein Mensch, seine Beine zu lang, sein Schritt unsicher. Oft stolperte er, wenn er versuchte, mit den Älteren Schritt zu halten, und das Gelächter der Herde rollte über die Ebene wie ein sanfter Sommersturm. Niemand lachte aus Spott – es war das Lachen eines Volkes, das Zeit hatte.
Die Steppe von Elenar war damals grenzenlos.
Am Morgen ritt die Sonne langsam über den Horizont, und das Gras glühte in Farben, die Tharon später nie wieder sah. Gold, Bernstein, Grün – lebendig. Die Alten sagten, die Steppe atme gemeinsam mit den Zentauren, und Tharon glaubte ihnen. Wenn der Wind kam, legte er den Kopf schief und hörte zu, überzeugt, dass das Land zu ihm sprach.
Sein Vater war groß und stark, sein Fell dunkel wie feuchte Erde nach Regen. Er war kein lauter Anführer, sondern einer, dessen Worte Gewicht hatten. Wenn er sprach, verstummte die Herde, und selbst der Wind schien zu warten. Tharon ritt oft an seiner Seite, stolz, auch wenn er kaum verstand, worüber die Ältesten sprachen.
„Hör zuerst“, sagte sein Vater einmal, als Tharon ungeduldig fragte. „Der Wind erzählt mehr, als Worte es je könnten.“
Seine Mutter war sanfter. Sie flocht Federn und kleine Steine in Tharons Haar, während sie ihm Geschichten erzählte – von den ersten Zentauren, von Sternen, die den Weg wiesen, und von der Pflicht, das Land zu ehren, das sie trug. Wenn Tharon nachts nicht schlafen konnte, legte sie die Hand auf seine Stirn und summte ein altes Lied, das älter war als jede Erinnerung.
Es gab Tage des Spiels.
Tharon rannte mit den anderen Jungen über die Ebenen, jagte dem Schatten der Wolken hinterher, sprang über flache Gräben und lachte, bis ihm der Atem fehlte. Er liebte das Gefühl der Geschwindigkeit, den Moment, in dem Hufe und Herz im gleichen Takt schlugen.
Doch selbst in diesen hellen Tagen lag etwas Unausgesprochenes in der Luft.
Manchmal hielten die Ältesten inne, blickten lange nach Westen oder Osten, dorthin, wo der Horizont verschwamm. Ihre Stimmen wurden leiser, ihre Lieder kürzer. Neue Pfade wurden gemieden, alte Lagerplätze seltener aufgesucht.
Eines Abends saß Tharon allein auf einem Hügel und sah zu, wie die Sonne versank. Das Gras raschelte unruhig, obwohl kaum Wind wehte. Er erinnerte sich daran, wie er fragte, warum die Steppe plötzlich so still war.
Sein Vater trat neben ihn.
„Weil auch Land müde werden kann“, sagte er leise.
Tharon verstand die Worte nicht ganz. Aber er spürte die Wahrheit darin.
In jener Nacht träumte er zum ersten Mal von Nebel.
Als er erwachte, galoppierten die Herden noch frei über Elenar. Die Steppe sang noch. Doch tief in Tharons jungem Herzen hatte sich bereits etwas eingenistet – eine Ahnung, dass all dies nicht ewig währen würde.
Und vielleicht, so glaubte er heute, begann sein Weg genau dort:
Nicht im Untergang seines Volkes, sondern in jenen hellen Tagen, als er lernte, dem Wind zuzuhören.
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