Tirius Kindheit 5

Wenn der Westwald zur Ruhe kam und selbst die ältesten Bäume ihr Knarren einstellten, kehrten manchmal Bilder zurück — leise, weich und klar wie Tau auf jungem Laub.
So war es auch in jener Nacht auf der Lichtung, als Tirius im Halbschlaf lag und der Wald ihn in seine Vergangenheit führte.

Tirius erinnerte sich an sich selbst als Knaben, kaum höher als die Farnwedel, mit aufgeschürften Knien und Augen, die stets mehr sahen als andere Kinder.
Schon früh hatte der Westwald ihn aufgenommen — nicht als Herr, nicht als Fremden, sondern als einen, der zuhört.

Er wuchs nahe der alten Pfade auf, dort, wo die Bäume enger zusammenstanden und das Licht grün gefärbt durch die Kronen fiel. Während andere Kinder Stöcke zu Schwertern machten, saß Tirius oft still am Rand eines Baches und lauschte dem Murmeln des Wassers, als spräche es nur zu ihm.

Manchmal glaubte er, Antworten zu hören.

Es gab jene, die man die Hüter des Westwaldes nannte — keine Könige, keine Krieger in glänzenden Rüstungen, sondern Männer und Frauen mit wettergegerbten Gesichtern und Augen, in denen sich Jahrhunderte spiegelten.

Sie lehrten Tirius nicht das Kämpfen zuerst.
Sie lehrten ihn Geduld.

„Ein Schwert ohne Maß ist nur Metall“, sagte einer von ihnen, während sie gemeinsam unter einer Eiche saßen, die älter war als jedes Dorf.
„Und Macht ohne Wurzeln fällt beim ersten Sturm.“

Tirius lernte, Spuren zu lesen, ohne den Boden zu verletzen.
Er lernte, einen Ast zu brechen, ohne den Baum zu verletzen.
Und er lernte, dass der Wald sich erinnert — an jede Tat.

Eines Tages, noch bevor er die Kraft hatte, einen Bogen zu spannen, verirrte sich Tirius tiefer in den Wald, als es erlaubt war. Nebel stieg auf, und die vertrauten Pfade verschwanden.

Angst kroch in ihm hoch — kalt und leise.

Dann hörte er es:
Ein langsames, tiefes Atmen.

Ein Baumriese.

Noch jung, wie Baumriesen jung sind, doch für ein Kind unvorstellbar groß. Seine Augen leuchteten bernsteinfarben aus dem Nebel.

Tirius hätte fliehen können.
Doch er tat es nicht.

Er senkte den Blick und sprach, so ruhig er konnte:
„Ich habe mich verirrt.“

Der Riese schwieg lange.
Dann senkte er einen Ast, der wie eine schützende Hand wirkte.

An diesem Tag lernte Tirius, dass Mut nicht das Fehlen von Angst ist, sondern das Bleiben, wenn sie kommt.

In manchen Nächten hörte der junge Tirius Stimmen im Wind. Keine Worte — eher Gefühle: Warnung, Trauer, Hoffnung.
Die Hüter nannten es das Lauschen.

„Nicht jeder hört es“, sagten sie.
„Und nicht jeder, der hört, versteht.“

Tirius verstand nicht alles.
Aber er hörte.

Als andere schliefen, lag er oft wach und sah die Glühwürmchen über den Lichtungen tanzen. Er wusste damals schon: Der Wald war mehr als Heimat. Er war Aufgabe.

Es gab einen Moment, kurz bevor Tirius erwachsen wurde, in dem eine der alten Hüterinnen ihn lange ansah.

„Du wirst gehen müssen“, sagte sie leise.
„Nicht, weil du willst — sondern weil der Wald dich braucht.“

Tirius fragte nicht wann.
Und nicht wohin.

Denn tief in seinem Inneren wusste er:
Sein Weg würde ihn eines Tages fortführen — zu Dornen, zu Schatten, zu einer Klinge aus grünem Stahl.

Doch all das lag noch vor ihm.

Damals war er nur ein Kind,
barfuß im Moos,
mit dem Atem des Waldes im Ohr
und einem Schicksal, das bereits Wurzeln geschlagen hatte.

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