Die Nacht auf der Lichtung 4

Der Baumriese bewegte sich lautlos durch den nächtlichen Wald, so leise, wie man es einem Wesen seiner Größe nie zugetraut hätte. Nur das gelegentliche Knacken einer uralten Wurzel verriet seine Schritte. Auf seinem breiten Ast, der wie ein lebendiger Weg diente, saß Tirius und hielt sich an der rauen Rinde fest.

Nach einer Weile hob der Riese den Arm, und zwischen den Stämmen öffnete sich plötzlich ein hellerer Fleck.
Eine Lichtung. Rund, friedlich, wie ein ausgestrecktes Handtuch aus Mondlicht zwischen den hohen Bäumen des Westwaldes.

„Hiiier… bist du… sicher“, brummte der Baumriese mit seiner tiefen, warmen Stimme. „Der Wald… hält Wache.“

Behutsam setzte er Tirius auf den weichen Waldboden ab.
Moos, dicht und dunkelgrün, dämpfte jeden Schritt wie ein Teppich aus lebender Stille.

Tirius legte die Hand auf die Rinde des Riesen.

„Danke, alter Freund.“

Der Baumriese neigte den Kopf — langsam wie die Sonne, die hinter Bergen untergeht. Dann wandte er sich wieder dem tiefen Wald zu. Ein paar Schritte, und sein gewaltiger Körper verschmolz mit den Schatten, wurde wieder zu Stamm, Laub und Dunkelheit.

Tirius blickte ihm lange nach.

Als er sich umwandte und die Lichtung betrat, geschah es:

Die Luft über dem Gras begann zu glitzern. Zuerst nur ein paar Lichtpunkte 
dann flackerte die ganze Lichtung auf wie ein angezündeter Sternenhimmel.

Glühwürmchen.

Hunderte.
Nein — Tausende.

Sie stoben aus dem hohen Gras, wirbelten wie leuchtende Funken in die klare Vollmondnacht, tanzten in Spiralen, die sich über Tirius schlossen wie ein leuchtender Schleier.
Das Mondlicht brach sich in ihren zarten Lichtern, und für einen Augenblick schien es, als stünde Tirius mitten in einem flüssigen Sternenmeer.

Er musste lächeln.
So viel Frieden hatte er seit Tagen nicht gespürt.

Tirius suchte sich einen Platz an einem alten Baum, dessen Wurzeln weich mit Moos überzogen waren.
Er legte sich hin, spürte die Kühle des Bodens und das leise Pulsieren der Erde unter sich — das Herz des Waldes, das schon seit Äonen schlägt.

Über ihm glitten die Glühwürmchen wie leuchtende Nadeln durch die Luft.
Der Vollmond hing groß und hell zwischen den Ästen, und das sanfte Wehen des Windes in den Baumkronen klang wie das Flüstern von Wesen, die größer und älter waren als die Zeit.

Tirius schloss die Augen.

Und der Schlaf fand ihn schnell.

Er stand in Dunkelheit.

Doch es war nicht die kalte Dunkelheit der Schemen, sondern die gedämpfte, flimmernde Schattenwelt eines Traumes. Nebel schwebte über dem Boden, und aus dem Dunst heraus ragte ein Gebilde, das wie ein Dornennest aus uralten Ästen wirkte.

Verwoben. Dornenbewehrt.
Lebendig.

Die Ranken pulsierten.
Und in ihrem Zentrum — fest umschlungen von Dunkel und doch selbst ein Lichtpunkt — steckte es:

Blattfall.

Die Klinge glomm in einem tiefen Grün, als würde in ihrem Inneren ein eigener Wald leben. Feine Adern aus Licht zogen sich über das Metall, schlugen rhythmisch wie ein ruhiger Atemzug. Der Griff schimmerte, als sei er noch warm von der Berührung eines uralten Hüters.

Tirius machte einen Schritt.
Die Dornen wuchsen.
Sie sträubten sich, als wollten sie das Schwert selbst vor ihm schützen.

Dann hörte er es.

Ein Flüstern.
Nicht laut — aber klar.
Als käme es aus den Bäumen selbst.

„Nur ein Hüter…
der den Mut hat…
sich den größten Ängsten zu stellen…
ist würdig, Blattfall zu führen.“

Der Traum erzitterte.
Ein Wind fuhr durch die Dornengestalt, und die grünen Lichter der Klinge flackerten wie das Herz eines Lebewesens, das nach seinem Träger ruft.

Tirius streckte die Hand aus.
Die Dornen zischten.
Und im selben Augenblick öffnete er die Augen.

Die Lichtung glänzte noch im Mondlicht.
Ein paar Glühwürmchen schwebten über ihm, als hätten sie in seiner Nähe gewacht.

Tirius setzte sich langsam auf.

Das Echo der Worte hallte noch in seinem Inneren nach.

Mut.
Prüfung.
Blattfall wartet.

Er schaute in den stillen, friedlichen Nachthimmel.

Und im Herzen wusste er:

Die Suche hatte erst begonnen.

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