Die ersten Rufe hallten über die Docks, noch bevor Sira Sturmbrich den Fehler ganz begriff.
Nicht laut, nicht panisch – sondern gezielt.
So rufen nur Männer, die wissen, wonach sie suchen.
„Dort! Die Frau mit dem Sturmhaar!“
„Haltet sie auf!“
Sira rannte.
Ihre Stiefel schlugen Funken aus dem nassen Holz der Stege, als sie zwischen Kisten hindurchfegte, unter einem schwingenden Kran durchtauchte und eine Reihe von Fässern umwarf. Flüche, Geschrei, schwere Schritte hinter ihr. Dornhafen war kein Ort für langsame Leute – und Sira war schneller als der Wind, den sie trug.
Sie sprang von der Pierkante, landete auf einem niedrigeren Steg, rutschte über Algen, lachte kurz auf und verschwand in einer Gasse, so schmal, dass zwei Männer nebeneinander kaum Platz gehabt hätten.
„Fangt sie!“
Ein Arm griff nach ihr – Sira schlug zu, Ellbogen, Drehung, weiter. Sie kannte jede Abkürzung, jeden losen Stein, jede Treppe, die ins Nichts führte. Dornhafen hatte sie großgezogen, und nun verschluckte die Stadt sie wie ein alter Freund.
Sie kletterte über einen Zaun, riss sich die Jacke auf, verlor absichtlich ein Tuch und bog scharf ab. Hinter ihr rannten Schritte ins Leere.
Schließlich verschwand sie in einem alten Lagerhaus, dessen Keller längst vergessen war. Eine lose Falltür, ein schmaler Schacht, dann Dunkelheit.
Sira atmete schwer.
Schweiß, Blut, Salz.
Aber sie grinste.
„Zu langsam“, murmelte sie.
Der Unterschlupf war klein, feucht und roch nach Moder und kalter Asche. Alte Netze lagen in einer Ecke, eine umgestoßene Kiste diente als Sitz. Sira zog das Pergament aus dem Stiefel, betrachtete das gebrochene Siegel erneut.
„Was hast du da nur angerichtet…“, flüsterte sie.
Die Erschöpfung holte sie schneller ein, als sie wollte. Sie lehnte sich zurück, schloss für einen Moment die Augen – und der Moment wurde tief, schwer, unwiderstehlich.
Der Traum kam wie ein Sturm.
Sie stand auf einer weiten Ebene, der Himmel schwarz und zerrissen, die Erde von Dornen überwuchert. Ein Schatten wuchs am Horizont – gewaltig, verdreht, mit Wurzeln aus Dunkelheit.
Der Dunkeldorn.
Vor ihm standen fünf Gestalten.
Sie waren keine Könige. Keine Götter.
Aber sie standen fest.
Ein Krieger mit einem Schwert aus Holz, dessen Klinge leise rauschte wie Herbstlaub.
Ein Zentaur, stolz und schwer mit ein Horn an den Lippen.
Ein kleiner Mann mit wachen Augen, der ein leuchtendes Herz aus Stein trug.
Ein weitere Heldin, mit leuchtenden Händen und einem Schild das in allen Farben leuchtete.
Und eine fünfte Gestalt, kaum greifbar – von Flammen umgeben, die nicht verbrannten, sondern lebten.
Als der Dunkeldorn nach ihnen griff,
erhoben sie ihre Relikte. das Schwert, das Horn, Das Herz, das Schild und der flammende Speer, und Licht trafen auf die Finsternis.
Der Boden bebte.
Der Schatten schrie.
Und dann –
wandte sich die flammende Gestalt um.
Sie sah wie Sira aus.
eine Stimme sagte.
„Auch du wirst wählen müssen.“
Die Flammen loderten auf –
und wurden zu einem Pergament in Siras Hand.
Sira fuhr hoch.
Ihr Herz hämmerte, ihre Kehle war trocken, und irgendwo draußen schrie eine Möwe. Der Traum hing noch an ihr wie Rauch.
„Großartig“, murmelte sie. „Jetzt hab ich auch noch Visionen.“
Sie zog das Pergament aus dem Stiefel.
Es war warm.
Ganz leicht.
Als hätte es etwas in ihr berührt.
Sira Sturmbrich war keine Heldin.
Noch nicht.
Aber Mydor hatte sie gesehen.
Und der Sturm hatte begonnen.
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