Sira Atmet durch

Der Atem brannte noch in ihrer Brust, als Sira Sturmbrich das modrige Versteck verließ. Der Nachmittag war längst in dieses fahle, goldene Licht gekippt, das Dornhafen kurz vor Sonnenuntergang verschluckt.

Sie blieb im Schatten der Mauer stehen.
Lauschte.

Keine schweren Schritte.
Kein metallisches Klirren von Rüstungen.
Kein Fluch, der ihren Namen trug.

Nur eine Katze schlich durch die Gasse, lautlos wie ein Gerücht.

„Gut“, murmelte Sira. „Dann seid ihr mich wohl los.“

Oder sie hatte sie verloren.
Was ihr besser gefiel.

Mit geschmeidigen Schritten verließ sie die Gasse, bog in die breitere Straße ein und mischte sich unter die letzten Marktleute. Händler packten ihre Stände ein, Gewürzduft hing schwer in der Luft, und irgendwo briet noch Fisch über offenem Feuer. Niemand schenkte ihr besondere Beachtung. Kein Finger zeigte auf sie. Kein Ruf durchschnitt die Menge.

Sira lächelte schmal.
Dornhafen hatte viele Gesichter – heute trug es ihres.

Ihr Zuhause lag über der Schenke „Zum Roten Segel“.
Nicht groß.
Nicht schön.
Aber hoch genug, um einen Überblick zu behalten – und nah genug am Hafen, um jedes Gerücht als Erste zu hören.

Eine knarrende Treppe führte hinauf zu einer überdachten Veranda. Von dort ging eine schlichte Holztür ab, deren Schloss mehr aus Gewohnheit als aus Sicherheit existierte.

Sira schloss auf, trat ein – und war daheim.

Das Zimmer war mittelgroß, doch es wirkte wie ein kleines Museum.

Gegenüber der Tür befand sich ein Fenster, dessen Scheibe vom Salz der See blind geworden war. Darunter stand ein Schreibtisch, überquellend vor Karten, alten Schriftstücken, zerknitterten Pergamenten und halb entzifferten Notizen.

In der linken Ecke ein Bett – robust, schlicht, mit einer Decke, die mehr Abenteuer als Schlaf gesehen hatte.
Rechts eine kleine Kochstelle, ein Topf, ein Messer, ein Becher.

Überall standen Relikte.
Kleine Figuren aus schwarzem Stein.
Ein zerbrochener Kompass, der nie nach Norden zeigte.
Ein alter Dolch mit seltsamen Runen im Griff.
Und an der Wand hing ein Stück Treibholz, in das jemand – vor langer Zeit – Zeichen eingeritzt hatte, die niemand mehr verstand.

Sira ließ sich rücklings aufs Bett fallen.

Die Decke über ihr war aus groben Balken, dunkel vom Rauch der Jahre.
Sie starrte hinauf.

„Was hast du mir da eingebrockt…“, murmelte sie.

Ihr Herz hatte sich beruhigt.
Aber ihr Kopf nicht.

Nach einer Weile setzte sie sich auf, zog das Pergament aus ihrem Stiefel und drehte es zwischen den Fingern. Das Siegel war unversehrt – sie hatte es draußen nur geprüft, nicht gebrochen.

„Zeit, dass ich erfahre, warum man mich dafür jagen lässt.“

Sie ging zum Schreibtisch.
Setzte sich.
Brach das Siegel.

Das Wachs splitterte leise.

Langsam rollte sie das Pergament aus.

Ganz oben stand in alter, kunstvoll geschwungener Schrift:

Aldur’Shar – Feuerspeer

Sira hob eine Augenbraue.

„Klingt nicht nach einem Fischerboot.“

Der restliche Text war dichter, schwerer – in einer Sprache verfasst, die sie nur bruchstückhaft kannte. Alte Zeichen, kantig wie Flammenzungen. Manche Buchstaben erkannte sie, andere wirkten wie verschlungene Dornen.

Sie beugte sich näher.

Wörter stachen hervor:

„Relikt“
„Uralt“
„Flamme der Ersten“
„gebunden an Träger“
„Erweckung durch Blut“

Siras Mundwinkel zuckte.

„Blut also.“

Das gefiel ihr weniger.

Sie strich mit dem Finger über eine Passage, entzifferte langsam:

„Wer Aldur’Shar führt, trägt das Feuer nicht – er wird es.“

Ein leises Knacken durchzog den Raum.

Sira erstarrte.

Nicht draußen.
Nicht an der Tür.

Es kam vom Tisch.

Das Pergament fühlte sich warm an.
Nicht heiß.
Aber lebendig.

Sira zog die Hand zurück. Starrte darauf.
Ein rötlicher Schimmer lag für einen Herzschlag lang auf ihrer Haut – dann war er fort.

„Ich bilde mir das ein“, murmelte sie.
Doch ihre Stimme klang weniger sicher als sonst.

Sie war keine Magierin.
Kein Reliktjäger aus Ehrgeiz.
Und Macht interessierte sie nur, wenn sie sich in Münzen auszahlen ließ.

Aber dieses Dokument…
Das war mehr als Ware.

Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme.

„Aldur’Shar“, sagte sie leise.
„Feuerspeer.“

Ihr Blick wanderte zu den Relikten in ihrem Zimmer.

„Wenn du echt bist… dann brennst du nicht nur.“

Ein Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht.

„Dann bringst du Ärger.“

Und Ärger –
damit kannte sich Sira Sturmbrich aus.

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