Der Markt von Dornhafen brummte wie ein wütender Bienenstock.
Händler schrien ihre Preise, Matrosen fluchten, Möwen kreischten, und aus jeder Ecke stieg ein anderer Geruch auf: gebratener Aal, würziger Eintopf, scharfer Pfeffer aus dem Süden, und natürlich der allgegenwärtige Duft von frischem – oder nicht mehr ganz frischem – Fisch.
Sira Sturmbrich liebte diesen Lärm.
Hier, im Chaos, fühlte sie sich am wohlsten.
Ihre Ohren waren wachsam wie die eines Raubtiers, lauschten auf jedes Geflüster, jedes Gerücht, das nach Gold klang.
Sie schlenderte zwischen Ständen hindurch, zwinkerte einer Gewürzhändlerin zu, schnappte sich heimlich eine getrocknete Feige von einem überfüllten Obstkorb und biss hinein, während sie weiterspazierte.
„Habt ihr gehört?“, wisperte ein Mann neben einem Korb voll Muscheln.
„Ein großes Güterschiff – auf Grund, direkt in der Meer-Enge!“
„Randvoll mit Waren von nah und fern!“, fügte ein anderer an.
Sira verzog das Gesicht.
Diese Geschichten kannte sie.
Sie sollten Leichtsinnige anlocken.
Und auf den Felsklippen lauerten dann die Piraten, bereit, jeden Idioten auszunehmen, der auf „leichte Beute“ hoffte.
„Lahmes Spiel“, murmelte Sira. „Fallt da ruhig drauf rein. Ich nicht.“
Sie ließ den Markt hinter sich und ging Richtung Docks, dorthin, wo immer die wahre Musik spielte: Gold, Arbeit, Streit und fremde Waren.
Heute war dort ungewöhnlich viel los.
Ein Schiff aus Varethor, glänzend weiß mit blauen Bändern an den Masten – eindeutig ein Gesandtschafts- oder Handelsschiff – hatte gerade angelegt und seine Ladung löschte. Die Hafenarbeiter schleppten Kisten, rollten Fässer, fluchten und schwitzten.
Sira schlenderte wie zufällig daran vorbei, die Hände in die Hüften gestützt, die Augen aber überall.
Zwischen zwei Kisten, auf denen ein Siegel aus Varethor prangte, ragte ein Stück Pergament hervor.
Nur ein Hauch, ein Zipfel.
Aber Sira erkannte sofort: Das gehört hier nicht lose herum.
Ohne zu zögern schob sie ihre Hand dazwischen und zog es mit einer geschmeidigen Bewegung heraus. Ein sauberes Stück, nicht zu groß, sauber versiegelt.
Sie steckte es in die Jacke, drehte sich um –
„HEY! DU DA! FINGER WEG VON DEN KISTEN!“
Sira hielt sofort beide Hände in die Luft, als wäre sie die Unschuld selbst.
„Was? Ich? Ich steh doch nur hier und atme! Ist Atmen verboten in Dornhafen?“
Ein zweiter Hafenarbeiter kam hinter ihr hervor, die Arme verschränkt.
„Wo du bist, ist auch der Ärger nicht weit, Sturmbrich. Geh weiter. Wir haben hier zu arbeiten.“
Sira zwinkerte.
„Ich auch. Atmen ist harte Arbeit.“
Der Mann schnaubte.
Aber Sira war schon unterwegs – schnellen, leichten Schritts, als würde sie einfach auf einer Welle weitersurfen, die nur sie sehen konnte.
Erst außer Sicht, zwischen zwei Lagerhäusern, lehnte sie sich gegen eine Wand und zog das Pergament hervor.
Varethor-Siegel.
Ungebrochen.
Königlich, fein, teuer.
„Oh-ho… irgendwas Wichtiges“, murmelte Sira und grinste wie ein Dieb im Mondlicht.
Sie kniff das Siegel zwischen zwei Finger und knackte es auf.
Der Inhalt ließ sie die Augenbrauen heben.
Es war eine Beschreibung eines Relikts – alt, uralt, aus Zeiten, über die selbst die Greise von Dornhafen nur flüsterten.
Ein Relikt, das angeblich “das Feuer der Ersten“ in sich trug.
Wer es hielt, hieß es, beherrsche die Flammen – nicht als Zauberkunst, sondern wie ein Naturgesetz, wie ein Atemzug.
Sira war nicht machthungrig.
Sie hatte genug Feuer im Herzen und in der Faust.
Aber etwas Wertvolles verkaufen?
Auf dem Schwarzmarkt?
An Sammler, Magier, verrückte Adelssöhne?
Oh, das konnte viel Dukaten geben.
Sehr viele.
„Aber wo ist es?“ flüsterte sie.
Der Brief war ein Auftrag, ein Einschreiben – gerichtet an einen Offizier auf dem Schiff. Keine Ortsangaben. Nur Hinweise, kryptische Zeilen:
„Bewahrt es dort, wo der Atem der Erde brennt.“
„Nur wer den Pfad der Asche kennt, wird es finden.“
Sira schnaubte.
„Mystik-Geschwafel. Aber wertvoll.“
Sie rollte das Pergament zusammen, schob es tief in ihren Stiefel – den, den sie nie verlor – und zog ihre Jacke wieder glatt.
„Gut“, sagte sie zu sich selbst.
„Dann suchen wir eben einen Ort, wo’s brennt. Und vielleicht noch ein paar andere Dinge, die brennen sollen.“
Mit einem Lächeln, das Ärger versprach, schlenderte Sira weiter durch Dornhafen.
Sie war nun nicht nur hinter einem Auftrag her.
Sie war einer Spur auf den Fersen.
Und jeder in Dornhafen wusste:
Wenn Sira Sturmbrich eine Spur wittert – dann wird es laut.
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