Je weiter Tirius wanderte, desto heller schien der alte Westwald selbst zu atmen. Das dichte Dach der Kronen öffnete sich wie von unsichtbarer Hand, und goldene Sonnenflecken tanzten über die sanft wogenden Farnmeere. Zwischen den Stämmen huschten Rehe und Langschweife, und Vögel sangen Melodien, die Tirius seit seiner Ausbildung bei den Waldhütern nicht mehr gehört hatte – alte Lieder, die nur erklingen, wenn die Magie des Waldes erwacht.
Doch trotz all dieser Schönheit vibrierte die Luft — leise, kaum merklich, wie das Zittern eines Bogens kurz bevor die Sehne schnellt.
Etwas war im Wandel. Der Wald wusste es. Tirius wusste es. Dann hörte er es. Ein Summen, klar und rein, wie eine Note aus purem Licht.
Es schnitt durch die Stille, federleicht und zugleich unwiderstehlich wie ein Ruf aus tiefster Erinnerung.
Der Silberstrom.
Als Tirius die letzten Büsche zur Seite drückte, lag der Fluss vor ihm wie ein Band aus flüssigem Mondlicht. Sein Wasser glitt lautlos dahin, und jede Stelle, die das Licht traf, funkelte wie ein Stern. Der Fluss war nicht einfach ein Gewässer – er war ein Wesen. Alt. Wach. Lebendig.
Tirius kniete am Ufer und tauchte seine Hand in das kühle Wasser.
Sofort glitten Müdigkeit und Sorge von ihm ab, als würde der Fluss selbst seine Gedanken glätten.
„Ich suche die Nymphen“, flüsterte er.
Die Wasseroberfläche kräuselte sich.
Ein einziger Kreis.
Ein Ruf. Ein Empfang.
Die Stimmen des Silberstroms
Der Nebel über dem Wasser begann sich zu heben – nicht wie gewöhnlicher Dunst, sondern wie lichtdurchwirkte Seide, die von einer unsichtbaren Hand gezogen wurde. Daraus formten sich Gestalten.
Drei Nymphen.
Ihre Körper schimmerten in grünlichen, silbernen und blauen Lichttönen. Selbst ihr Haar floss wie Wasser, das in Zeitlupe fällt. Wenn sie sich bewegten, klang es wie Tropfen, die auf Glas treffen.
Die erste Nymphe neigte den Kopf.
„Tirius von Westwald. Wir haben dich gerufen.“
Die zweite berührte die Wasseroberfläche, und helle Kreise liefen über den Fluss hinweg.
„Der Wald erzittert.“
Die dritte richtete ihren Blick in die Schatten hinter ihm.
„Die Schemen folgen dir. Sie riechen nach Dunkeldorn.“
Tirius nickte ernst.
„Ich sah sie. Mehr als je zuvor. Sie flüstern… und jagen mich.“
Die Nymphen wechselten einen Blick – ein stilles, uraltes Verständnis. Dieses Wissen stammte aus Zeiten, bevor Mydor Königreiche kannte.
Die Wahrheit der alten Zeit
Die erste Nymphe senkte die Hand tiefer ins Wasser.
Der Fluss, eben noch silbern, begann dunkel zu schimmern.
Nicht trüb.
Nicht schmutzig.
Sondern schwarz wie das erste Licht einer Finsternis.
„Der Dunkeldorn erwacht“, hauchte sie. „Und die Schemen… sind seine ersten Schatten.“
Der Silberstrom bebte.
Dann—ein anderer Schein. Grün. Tief. Lebendig.
Die zweite Nymphe hob beide Hände etwas an – doch statt einer Klinge erschien nur ein schwaches, grünes Nachbild, schemenhaft wie ein verlorener Traum.
Tirius erkannte es trotzdem.
Blattfall.
Nicht als Waffe.
Nur als Erinnerung.
„Blattfall“, sagte die dritte Nymphe mit leiser Ehrfurcht. „Das Schwert des Ersten Hüters. Aus Grünem Stahl geschmiedet. Eine Klinge, so lebendig wie der Wald selbst.“
Tirius trat näher.
„Dann muss ich es führen… wenn die Schemen stärker werden?“
Die Nymphen schüttelten gleichzeitig die Köpfe.
Die erste sprach:
„Blattfall ist nicht hier.“
Die zweite fügte hinzu:
„Es ist verschollen. Schon seit Jahrhunderten.“
Die dritte schloss ihre Augen, und für einen Moment wehte ein kalter Wind über den Fluss.
„Zuletzt wurde es in der Nebelkluft gesehen… bevor der Dunkelwind sie umschloss.“
Tirius’ Herz zog sich zusammen.
Die Nebelkluft – ein Ort, in dem selbst erfahrene Hüter sich verirrten. Ein Schlund aus Nebel, Felsen und alten Flüchen.
„Du musst es finden“, sagten die drei Stimmen wie ein Echo des Flusses.
Die Prophezeiung der Fünf
Der Silberstrom begann zu singen, und die Stimmen der Nymphen vereinten sich wie Ströme eines einzigen Flusses.
„Fünf Relikte.
Fünf Helden.
Ein Schatten, den nur Einheit bannen kann.“
Tirius sah auf.
Er wusste, was folgen musste.
Die Nymphen sprachen weiter:
„Du bist einer der Fünf, Tirius von Westwald.
Doch dein Pfad beginnt erst.“
Blattfall war nur eines der fünf Relikte Mydors.
Und Tirius war nur einer der fünf Helden, die sie führen sollten.
Die anderen warteten in ihren Welten, noch ahnungslos:
Kiwa Leichtfuß, der Gaukler zwischen Licht und Schatten
Sira Sturmbrich, die Klinge aus Dornhafen
Tharon, der Zentaur starker wie ein Sturm
Liora Uferstein, die stille Wächtern des Silbersees
Fünf Leben.
Fünf Wege.
Ein Schicksal.
„Finde sie“, sangen die Stimmen.
„Finde Blattfall.“
„Denn der Dunkeldorn wächst… und Mydor hat wenig Zeit.“
Tirius hob seinen Blick zum Himmel über dem Westwald.
Keine Waffe in der Hand.
Nur die Verheißung einer Aufgabe, die größer war als er selbst.
Und so begann sein Weg:
Ein Hüter ohne Schwert,
gerufen von Stimmen aus Wasser und Licht,
auf der Suche nach einer verlorenen Klinge
in den Nebeln eines verfluchten Landes.
Die Suche nach Blattfall –
und nach den Helden Mydors –
hatte begonnen.
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