Fünfter Eintrag – Der Silberschwan
Das Dorf erwies sich als freundlich und offen, und ich fand Unterkunft in einer Herberge, die den Namen „Zum Silbernen Schwan“ trägt. Schon der Name ließ mich aufhorchen, doch ich hielt meine Neugier zunächst zurück.
Die Stube war warm, das Feuer kräftig, und nach einem langen Tag tat das einfache, warme Essen gut. Bald füllte sich der Raum mit Stimmen. Bauern, Fischer und einige Durchreisende saßen beisammen, und wie so oft begann der Abend mit Belanglosem – Wetter, Ernte, der Stand des Sees.
Doch je später die Stunde wurde, desto mehr veränderten sich die Gespräche.
Man erzählte von einem seltenen Tier, das im Silbersee leben soll: dem Silberschwan. Seine Federn, so heißt es, besitzen heilende Kräfte. Wunden sollen sich schließen, Krankheiten weichen, selbst alte Schmerzen gelindert werden. Einige schworen, solche Federn gesehen zu haben, andere kannten jemanden, der jemanden kannte.
Ein weiteres Gerücht ging tiefer – und dunkler. Der Silberschwan sei kein Tier, sondern ein verfluchter Jüngling, gebunden an den See durch eine alte Schuld oder einen vergessenen Zauber. Bei Sonnenaufgang sei er Vogel, bei Nacht vielleicht Mensch, gefangen zwischen zwei Daseinsformen. Niemand wusste Genaueres, doch alle senkten die Stimme, wenn sie davon sprachen.
Mit jeder Stunde wurden die Geschichten ausschmückender. Einige widersprachen einander, andere schienen sich seltsam zu ergänzen. Ich hörte aufmerksam zu, stellte kaum Fragen und schrieb mir im Stillen jene Version auf, die am meisten Sinn ergab – oder am wenigsten widersprochen wurde.
Ich liebe diese Abende. In solchen Stuben, bei flackerndem Licht und schweren Worten, beginnt wahre Forschung. Wahrheit verbirgt sich selten in einer einzelnen Geschichte, doch oft in dem, was sie gemeinsam haben.
Morgen werde ich dem nachgehen, was man mir erzählt hat.
Ob Tier oder Mensch – der Silberschwan gehört zu Mydor, und damit auch in meine Aufzeichnungen.
— Theodor Wieneman
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