Vierter Eintrag – Der Weg um den Silbersee
Der heutige Tag war von einer seltenen Klarheit. Mein Weg führte mich entlang des Silbersees, der zu meiner Rechten lag, während sich zu meiner Linken die goldenen Felder Varethors ausbreiteten.
Die Felder wirkten endlos. Reifes Korn wogte im Wind, und immer wieder sah ich Bauern bei der Arbeit – geschäftig, routiniert, als folgten ihre Bewegungen einem alten, verlässlichen Rhythmus. In der Ferne drehten sich die großen Windmühlen, deren Flügel langsam und stetig das Korn mahlten, für das diese Gegend weit bekannt ist. Ihr Knarren trug weit über das Land, ein vertrauter Klang der Ordnung und des Lebens.
Der Silbersee hingegen war von ganz anderer Art. In der Sonne schimmerte er wie ein riesiges silbernes Tuch, glatt und doch ständig in Bewegung. Das Licht brach sich auf seiner Oberfläche, sodass es manchmal wirkte, als sei der See selbst lebendig. Fischer zogen ihre Netze aus dem Wasser, ruhig und konzentriert, und ihre Boote glitten lautlos dahin, als wollten sie den See nicht stören.
Am Tage ist dieser Ort von großer Schönheit. Die Welt scheint hier im Gleichgewicht zu sein, als hätten Land und Wasser einen stillen Bund geschlossen.
Ich kam gut voran. Als ich einmal innehielt und zurückblickte, war Varethor, die Weiße Stadt, nur noch ein kleiner, heller Punkt am Horizont. Es fühlte sich unwirklich an, wie schnell Vertrautes in Ferne übergeht.
Nun liegt vor mir ein kleines Dorf, nahe am Weg, mit niedrigen Häusern und Rauch, der aus Schornsteinen aufsteigt. Vielleicht finde ich dort eine Unterkunft für die Nacht – und ein warmes Essen. Nach einem Tag voller Licht und weiter Gedanken wäre das ein willkommener Abschluss.
Morgen werde ich weiterziehen. Doch für heute genügt es, angekommen zu sein.
— Theodor Wieneman
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