Dritter Eintrag – Der Weg nach Westen
Heute habe ich meine Richtung festgelegt. Mein Weg führt nach Westen – zum Westwald.
Nach allem, was ich in den Archiven Varethors gelesen habe, soll dort der Ursprung Mydors liegen. Alte Schriften sprechen von einer Zeit, in der die Welt noch jung war und die Grenzen zwischen Land, Geist und Geschichte nicht fest gezogen waren. Auch berichten sie von der Großen Schlacht gegen den Dunkeldorn, deren Spuren bis heute im Boden und in den Liedern der Alten liegen sollen.
Doch es sind nicht nur die Geschichten vom Krieg, die mich rufen. Der Westwald gilt als ein Ort, den die Zeit selbst nur widerwillig berührt. Man sagt, dort existieren noch unentdeckte Orte, fremdartige Tiere und uralte Wesen – spröde, ursprünglich, vielleicht älter als jede bekannte Stadt. Für einen Forscher gibt es keinen besseren Ort, um zu beginnen.
Dennoch führt mich mein Weg nicht direkt dorthin. Da ich Varethor durch das Nordtor verlassen habe, muss ich zuerst den Silbersee umrunden. Er liegt still und weit im Norden, ein Spiegel aus Wasser, der Himmel und Gedanken zugleich zurückwirft. Viele Reisende meiden ihn, denn seine Ufer sind trügerisch ruhig und seine Nebel dafür bekannt, Entfernungen zu verschleiern.
Heute erreichte ich die ersten Ausläufer seines Gebietes. Die Luft ist kühler, feuchter, und das Licht scheint sich auf der Wasseroberfläche zu brechen, als folge es eigenen Regeln. Ich habe beschlossen, vorsichtig zu sein und meine Beobachtungen genau festzuhalten. Wer weiß, welche Geschichten der See bewahrt.
Während ich schreibe, wird mir bewusst, dass diese Reise mehr ist als ein Weg zu einem Ziel. Jeder Umweg, jede Verzögerung ist Teil der Entdeckung. Mydor offenbart sich nicht jenen, die eilen, sondern jenen, die bereit sind zuzuhören.
Morgen setze ich meinen Marsch fort, den Silbersee zur Linken und den Westwald fest in meinen Gedanken.
Der Ursprung liegt vor mir – auch wenn der Weg dorthin länger ist, als jede Karte verspricht.
— Theodor Wieneman
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