Zweiter Eintrag – Der Aufbruch und die erste Nacht jenseits der Mauern
Der Morgen war kühl und klar, als ich mich dem Nordtor näherte. Varethor lag noch im Halbschlaf. Die Wachen sahen mich an, nickten kurz, stellten keine Fragen. Vielleicht erkannten sie den Blick eines Menschen, der nicht auf einen Tagesausflug geht.
Als ich das Tor durchschritt, hallten meine Schritte zwischen den Steinen wider. Dann war es still. Hinter mir Mauern und Ordnung – vor mir das offene Land.
Jenseits der Stadt verändert sich alles. Die Straßen werden zu Pfaden, die Geräusche zu Wind und Vogelrufen. Das Gras stand hoch und bewegte sich wie ein grünes Meer. Ich ging lange, ohne mich umzudrehen. Erst als die Sonne höher stieg, setzte ich mich und betrachtete meine Karten. Viele Linien enden abrupt. Genau dort, so glaube ich, beginnt das wahre Mydor.
Am Abend suchte ich mir einen Platz für die Nacht. Ein kleiner Hügel bot Schutz, daneben stand ein einzelner, knorriger Baum. Ich entzündete ein kleines Feuer und aß schweigend. Die Nacht klang anders als in Varethor: Rascheln, ferne Rufe, das tiefe, gleichmäßige Atmen der Welt.
Als die Dunkelheit ganz hereingebrochen war, blickte ich noch einmal zurück. Die Mauern waren längst unsichtbar, doch ich wusste, dass sie dort standen. Zum ersten Mal empfand ich keine Furcht, sondern Ruhe. Unter dem offenen Himmel wurde mir klar, wie klein ein einzelner Mensch ist – und wie weit sein Weg sein kann.
Mein Schlaf war unruhig. Ich träumte von Karten, die sich bewegten, und Wegen, die erst unter meinen Füßen entstanden. Beim Erwachen glühten die letzten Kohlen des Feuers noch schwach. Die Nacht hatte mich geprüft – und mich nicht fortgeschickt.
Dies ist erst der Anfang.
Mydor hat mich aufgenommen.
— Theodor Wieneman
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