Tagebuch

Erster Eintrag – Varethor

Heute beginne ich dieses Buch, damit meine Gedanken nicht im Wind verwehen wie Staub auf den Straßen meiner Heimat. Mein Name ist Theodor Wieneman, und Varethor ist der Ort, an dem meine Geschichte ihren Anfang nimmt.

Varethor ist eine Stadt aus Stein und Stimmen. Ihre Mauern sind alt, aus grauem Fels geschichtet, von Moos und Zeit gezeichnet. Drei große Tore schützen sie, doch das Südtor ist das lebendigste, denn dort kreuzen sich Händlerwege, Reisende und Gerüchte aus ganz Mydor. Von den Zinnen aus blickt man auf die weite Ebene hinaus, die sich bis zum Horizont erstreckt.

Im Herzen der Stadt liegt der Marktplatz. Schon im Morgengrauen erfüllt er sich mit Rufen, Lachen und dem Klirren von Münzen. Der Duft von frischem Brot, Gewürzen und Rauch liegt stets in der Luft. In seiner Mitte steht der Brunnen der Stadtmutter, eine steinerne Figur, deren Augen über Generationen hinweg das Leben Varethors gesehen haben.

Nahebei erhebt sich die Halle der Schreiber. Dort lernte ich lesen, schreiben und Karten deuten. Die Regale sind schwer von Pergamenten, und oft glaubte ich, die Wände selbst flüsterten von fernen Ländern. Am Ostwall brennt der Leuchtturm, dessen Feuer den Heimkehrern den Weg weist, selbst wenn Nebel und Dunkelheit die Welt verschlucken.

In den äußeren Vierteln wird die Stadt stiller. Schmale Gassen, kleine Höfe, Kinderlachen und alte Stimmen. Von dort aus sieht man die Hügel, die Varethor umgeben – und dahinter das offene Land. Jenseits davon beginnt Mydor.

Heute habe ich meine Vorbereitungen abgeschlossen. Mein Gepäck ist leicht: Karten, Tinte, dieses Tagebuch und das Nötigste zum Überleben. Der Abschied liegt schwer auf mir, doch stärker ist das Ziehen nach draußen.

Morgen bei Sonnenaufgang werde ich durch das Tor treten.
Ich verlasse Varethor nicht aus Undank, sondern aus Sehnsucht.

Theodor Wieneman

 


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