Sechster Eintrag – Die Suche nach dem Silberschwan
Noch vor Sonnenaufgang verließ ich die Herberge „Zum Silbernen Schwan“. Der Wirt hatte mir geraten, nicht zu früh hinauszugehen – der Nebel über dem See sei tückisch. Gerade deshalb wählte ich diese Stunde.
Der Silbersee lag reglos vor mir, als hielte er den Atem an. Ein feiner Nebelschleier zog über das Wasser und ließ Ufer und Ferne verschwimmen. Jeder Schritt im feuchten Gras klang lauter, als mir lieb war. Ich hatte weder Netz noch Waffe bei mir – nur mein Notizbuch.
Die Geschichten vom Vorabend begleiteten mich. Heilende Federn. Ein verfluchter Jüngling. Ein Wächter des Sees.
Ich folgte dem Ufer langsam, aufmerksam. Mehrmals meinte ich, eine Bewegung im Wasser zu sehen – doch es waren nur Fische oder das Spiel des Lichts. Einmal hörte ich ein leises Gleiten, wie wenn ein Boot durch ruhiges Wasser fährt. Als ich mich umwandte, war nichts zu erkennen.
Die Stunden vergingen. Die Sonne stieg höher, und der Nebel begann sich zu heben. Da sah ich ihn.
Weit draußen auf dem See – eine Gestalt, hell und klar. Ein Schwan, größer als gewöhnlich, sein Gefieder schimmernd wie poliertes Metall im Morgenlicht. Er bewegte sich lautlos. Kein Flügelschlag war zu hören, kein Aufwirbeln des Wassers.
Ich blieb stehen.
Der Silberschwan hob den Kopf. Für einen Augenblick – nur einen Herzschlag lang – hatte ich das Gefühl, betrachtet zu werden. Nicht wie ein Tier einen Menschen mustert, sondern wie ein Wesen, das prüft.
Ich wagte keinen Schritt näher. Keine hastige Bewegung. Nur Beobachtung.
Dann glitt er langsam zur Seite, verschwand im gleißenden Licht der Sonne – und mit ihm jede Spur auf dem Wasser.
Ich suchte noch lange das Ufer ab. Und tatsächlich – im feuchten Sand fand ich etwas.
Eine einzelne Feder.
Sie war leichter als erwartet und kühl in meiner Hand. Kein gewöhnliches Weiß, sondern mit einem feinen silbrigen Schimmer, der sich im Licht veränderte. Ich habe sie sorgsam zwischen zwei Seiten meines Buches gelegt.
Ich weiß nicht, ob sie heilende Kräfte besitzt. Doch eines weiß ich:
Der Silberschwan ist kein bloßes Gerücht.
Und er weiß nun vielleicht auch von mir.
— Theodor Wieneman
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