Ein einzelner Sonnenstrahl war es, der Tirius weckte.
Er brach durch das Blätterdach der Lichtung und legte sich warm auf sein Gesicht, als wolle der Wald selbst ihm Lebewohl sagen.
Tirius blinzelte, richtete sich langsam auf und streckte die müden Glieder. Das Moos unter ihm war noch kühl vom Tau der Nacht. Einen Moment lang blieb er stehen, lauschte dem leisen Wehen in den Baumkronen — dann ging er zum kleinen Bach, der sich silbern durch die Lichtung schlängelte. Er kniete nieder und schöpfte Wasser mit beiden Händen, wusch sich die Müdigkeit aus dem Gesicht und sammelte seine Gedanken.
Heute führte sein Weg zur Nebelkluft.
Er wandte sich ab und trat wieder unter die Bäume.
Mit jedem Schritt veränderte sich der Westwald.
Die Stämme wurden knorriger, ihre Rinde rissig wie alte Narben. Das Licht verlor seine Wärme, wurde fahler, als müsse es sich mühsam seinen Weg bahnen. Das satte Grün wich dunklen Moosen und graubraunen Farnen.
Tirius spürte es deutlich:
Er entfernte sich vom Einfluss der Mutter.
Der vertraute Pulsschlag des Waldes — dieses sanfte, stetige Gefühl von Verbundenheit — wurde schwächer. Es war kein gutes Gefühl. Und doch… es war notwendig.
Hier begann der Bereich, in dem Entscheidungen nicht mehr getragen wurden, sondern errungen werden mussten.
Auch die Tiere verschwanden.
Kein Rascheln mehr im Unterholz. Kein Vogelruf. Nur noch das leise Knacken abgestorbener Äste unter seinen Schritten.
Irgendwann — Tirius wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, denn die Sonne war längst verschwunden — verdichtete sich der Nebel.
Er kroch zwischen den Stämmen hervor, legte sich schwer auf den Boden und stieg langsam höher, bis er alles verschluckte.
Mit jedem Meter wurde es dunkler.
Der Kontakt zur Mutter war nun kaum mehr als eine ferne Erinnerung. Ein dünner Faden, der jederzeit reißen konnte. Tirius blieb kurz stehen, legte die Hand an einen Baumstamm — doch selbst dieser fühlte sich fremd an, kalt, leer.
Dann kam der Geruch.
Verbrannte Erde, Asche, Alter Rauch, Tirius’ Herz schlug schneller.
Er fühlte es deutlich:
Er war nicht allein.
Schatten bewegten sich im Nebel, größer, länger, als sie sein sollten. Sie glitten über verkohlte Stämme und zerrissene Dornranken, ohne je ganz sichtbar zu werden. Die Dunkelheit hatte hier einen Vorteil — das Licht war nur noch ein matter Schimmer, kaum mehr als Hoffnung.
„Zum Glück haben sich die Schemen noch nicht gezeigt…“, murmelte Tirius.
Doch die Stille war zu vollkommen.
Zu gespannt.
Dann erkannte er es.
Zwischen den verbrannten Bäumen lagen sie — Knochen, zerbrochene Rüstungen, verrostete Klingen. Unzählige Skelette, halb im Boden versunken, überwuchert von schwarzen Dornen. Die Luft war schwer vom Geruch des Todes und des Modernden.
Tirius blieb stehen.
Das war der Ort.
Hier hatte die Schlacht stattgefunden.
Hier hatte der Orden des Waldes dem Dunkeldorn die Stirn geboten — und einen furchtbaren Preis gezahlt.
Er schloss die Augen.
„Brüder… Schwestern…“, flüsterte er.
Tirius kniete nieder, senkte den Kopf und sprach ein stilles Gebet. Für jene, die gefallen waren. Für jene, deren Namen vom Nebel verschluckt worden waren. Für jene, die Blattfall einst geführt hatten — und es hier verloren.
Als er wieder aufstand, lag Entschlossenheit in seinem Blick.
Irgendwo in dieser verfluchten Kluft musste es sein.
Das Schwert aus grünem Stahl.
Die Hoffnung des Waldes.
Und auch wenn die Schatten näher rückten
und die Dunkelheit hier herrschte —
Tirius von Westwald würde weitergehen.
Denn wer Blattfall finden wollte,
musste bereit sein, dort zu stehen,
wo selbst das Licht zögert.
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