Geschichte von Wieneman

Die Legende vom Silberschwan

aufgezeichnet von Theodor Wieneman

Unter den vielen Geschichten, die man sich am Ufer des Silbersees erzählt, ragt eine besonders hervor – die vom Silberschwan. Ich habe sie aus verschiedenen Mündern vernommen, verglichen und hier in ihrer wahrscheinlichsten Form niedergeschrieben.

Vor vielen Generationen lebte am See ein junger Mann von edler Herkunft. Sein Name ist in den Erzählungen verloren gegangen, doch alle stimmen darin überein, dass er schön, stolz und von außergewöhnlicher Begabung war. Er liebte eine Heilerin aus einem der Dörfer am Seeufer – eine Frau, die mit Kräutern und Worten heilte.

Als eine schwere Krankheit das Land heimsuchte, flehte der junge Mann um Hilfe für seine Liebste. Doch nicht sie war es, die er retten wollte – sondern sich selbst vor dem Schmerz des Verlustes. In seiner Verzweiflung suchte er eine alte Macht, die tief im Wasser des Sees wohnen sollte. Man sagt, er opferte etwas Wertvolles – vielleicht sein Versprechen, vielleicht sein Herz.

Die Krankheit wich. Die Heilerin lebte.
Doch der Preis war hoch.

Am nächsten Morgen war der junge Mann verschwunden. Statt seiner erschien auf dem See ein Schwan mit Gefieder so hell und glänzend, als bestünde es aus flüssigem Silber. Seit jenem Tag gleitet er über das Wasser, einsam und schweigend.

Die Fischer erzählen, dass seine Federn heilende Kraft besitzen. Wer eine findet – eine einzelne, schimmernde Feder am Ufer – dessen Wunden schließen sich schneller, dessen Fieber sinkt. Doch niemand darf dem Schwan eine Feder entreißen. Jene, die es versuchten, sollen vom See verschlungen oder vom Nebel in die Irre geführt worden sein.

Andere behaupten, der Silberschwan sei bei Mondlicht kein Tier. Wenn der Nebel dicht über dem Wasser liegt, soll man die Gestalt eines jungen Mannes am Ufer stehen sehen – still, wartend, als suche er etwas, das er einst verlor.

Ich vermag nicht zu sagen, ob diese Geschichte Wahrheit oder Dichtung ist. Doch mehrere Erzählungen stimmen in zwei Dingen überein:
Erstens – der Schwan erscheint nur jenen, die mit ehrlicher Absicht kommen.
Zweitens – er meidet Gewalt.

Sollte ich ihm begegnen, werde ich nicht mit Netz oder Messer kommen, sondern mit offenen Augen und ruhiger Hand.

Denn selbst wenn der Silberschwan nur ein Tier ist, so ist er doch Teil Mydors.
Und wenn er mehr ist als das – dann verdient er verstanden zu werden.

Theodor Wieneman


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