Tagebuch

Neunter Eintrag – Stimmen im Nebel und die Einladung

Heute setzte ich meinen Weg entlang des Silbersees fort.

Am Morgen lag der bekannte Nebel wieder über dem Wasser. Dichter als zuvor, als hätte der See beschlossen, mehr von sich zu verbergen. Die Welt wirkte gedämpft, jeder Laut verschluckt, jeder Schritt einsamer. Und doch… war ich nicht allein.

Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden.

Ein leises Gleiten im Nebel, kaum hörbar. Ein Schatten, der sich bewegte, wenn ich stillstand. Ich konnte nicht sagen, ob es der Silberschwan war – oder ob mir jemand aus dem Dorf gefolgt war. Seit ich die Feder bei mir trage, scheint die Welt wachsamer geworden zu sein… oder ich selbst.

Erst gegen Mittag lichtete sich der Nebel, und mit ihm verschwand auch dieses Gefühl.

Vor mir öffnete sich eine Landschaft von großer Schönheit. Zur einen Seite der Silbersee, der seinem Namen alle Ehre macht – hell, weit und ruhig, als wäre er ein Spiegel aus Licht. Zur anderen Seite erstreckten sich die goldenen Weiten von Elenar, sanft im Wind wiegend, durchzogen von Wegen und vereinzelten Höfen.

In der Ferne erhoben sich die dunklen Spitzen des Dorngebirges, scharf gegen den Himmel gezeichnet. Ein ferner, ernster Anblick – als erinnerten sie an Geschichten, die noch nicht erzählt sind.

Der Weg war gut ausgebaut, fest und leicht zu gehen. Ich kam schnell voran und verlor mich für eine Zeit ganz in der Bewegung.

Erst am späten Nachmittag, als die Sonne bereits tief stand, erreichte ich ein kleines Fischerdorf. Es lag ruhig am Ufer, mit niedrigen Häusern und Booten, die sanft im Wasser schaukelten.

Zu meinem Bedauern gab es keine Schenke.

Ich war schon im Begriff, weiterzuziehen, als mich eine Frau bemerkte und mir zuwinkte. Ihre Stimme war freundlich, doch direkt.

„Wohin führt Euch Euer Weg?“, fragte sie.

Ich antwortete wahrheitsgemäß:
„Ich bin auf der Suche nach guten Geschichten.“

Da lächelte sie und meinte, ich müsse unbedingt mit Baba sprechen. Sie kenne alle Geschichten dieser Gegend – die alten, die vergessenen und jene, die man nur flüstert.

Ich erwiderte, dass ich dies nur zu gern täte, doch dass mir ein Nachtlager fehle.

Daraufhin bot sie mir ein einfaches Bett im Stroh an.

Ich nahm dankend an.

Manchmal sind es nicht die großen Städte oder bekannten Orte, an denen man Antworten findet – sondern kleine Dörfer, in denen jemand wie Baba lebt.

Ich bin gespannt, was sie mir erzählen wird.

Theodor Wieneman

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