Tirius von Westwald

Hüter des Flüsterns

Der Morgen hing schwer über dem Westwald. Nebel kroch zwischen den uralten Stämmen entlang wie vergessene Geister, und jedes Rascheln schien lauter zu hallen als sonst.
Auf einem moosbewachsenen Pfad schritt Tirius, ein junger Hüter des Waldordens, mit der Vorsicht eines Jägers und dem Respekt eines Priesters. Sein grüner Mantel war feucht, seine Stiefel leise wie Schatten.

Heute sollte er zum ersten Mal allein zur Lichtung des Mutterbaumes gehen.

Die Ältesten hatten ihn gewarnt:
“Kein Pfad ist im Westwald derselbe, wenn du ihn wieder betrittst.”
“Der Wald entscheidet, wen er führt und wen er verliert.”

Tirius atmete tief ein. Der Duft von Harz und nasser Erde beruhigte ihn. Hinter ihm lag das Lager des Ordens – vor ihm das Herz Mydors.

Das Flüstern

Schon nach wenigen Schritten begann es.
Ein kaum hörbarer Klang, wie Atem im Laub, wie Stimmen, die in einer anderen Sprache träumen.

Tirius blieb stehen.
Der Westwald sprach… zu ihm?

Er legte die Hand auf die Rinde einer uralten Eiche. Die Oberfläche war rau, warm – und pulsierte. Für einen Moment sah er Bilder vor seinem inneren Auge:
Das Wachstum eines Samens.
Den Tanz von Sonnenlicht.
Eine schwarze Wolke im Norden.

Als die Vision endete, rang er nach Luft.
Die Nebelkluft.
Der Schatten Nar Morths reichte immer weiter in den Westwald hinein.

Die Lichtung des Mutterbaumes

Nach Stunden, die sich wie ein einziger verwobener Atemzug des Waldes anfühlten, öffnete sich der Nebel.
Die Lichtung lag vor ihm.

Wie ein lebendiges Bergmassiv wuchs der Mutterbaum in den Himmel, gewaltig und leuchtend. Sein Stamm war breiter als jedes Haus in Arathun, und seine Krone verschwand in den Wolken. Unter den Wurzeln sprudelte die Urquelle, klar wie Glas und älter als jedes Volk Mydors.

Tirius kniete nieder.

Ein Windstoß, obwohl kein Wind wehte.
Ein leises Summen, als würde der Baum selbst atmen.

„Tirius…“

Er fuhr zusammen. Die Stimme war nicht laut – eher wie ein Gedanke, der durch seine Brust wanderte.

„Die Schatten wachsen. Die Grenze wird dünn. Du wirst mein Auge an der Nebelkluft sein.“

Tirius fühlte, wie Wärme durch seine Hände floss. Ein feiner, goldener Riss zeichnete sich auf seiner linken Handfläche ab – das Zeichen des Mutterbaumes.
Ein Siegel.
Ein Auftrag.
Ein Band.

Das Gelübde

Er stand auf, das Herz schwer und zugleich erhellt.

„Mutterbaum,“ sagte er mit fester Stimme, „ich werde wachen.
Ich werde hören.
Und wenn die Schatten kommen… werde ich bereit sein.“

Die Lichtung pulsierte wie eine Antwort.

Als Tirius sich umwandte, sah er, dass der Pfad zurück neu war – anders als der, auf dem er gekommen war.

Der Westwald hatte ihn angenommen.
Und nun führte er ihn zu seiner Bestimmung:
An die Grenze zur Nebelkluft, wo der erste Hauch des Bösen Nar Morths wartete.

Und von diesem Tag an wurde Tirius bekannt als:

Tirius von Westwald – der Hüter des Flüsterns.


Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.

Erstelle deine eigene Website mit Webador