Die Sprache der Flame 4

Die Sprache der Flammen

Das Pergament lag vor ihr, still – und doch wirkte es, als würde es atmen.

Sira Sturmbrich lehnte sich über den Tisch, die Ellbogen auf das Chaos aus Karten und alten Notizen gestützt.
„Na gut“, murmelte sie. „Dann reden wir eben miteinander.“

Sie war keine Gelehrte.
Keine Schreiberin aus Varethor.
Aber Dornhafen hatte sie eines gelehrt:
Wer lange genug hinhört, versteht irgendwann alles.

Sira zog eine alte Kiste unter dem Tisch hervor. Das Holz knarrte, als würde es sich über die Störung beschweren. Sie öffnete sie und begann zu wühlen.

Pergamente.
Notizen.
Halb verbrannte Seiten.
Zeichen, die sie irgendwo gestohlen, gewonnen oder schlicht behalten hatte, weil sie „interessant“ aussahen.

„Irgendwo hab ich dich schon mal gesehen…“, murmelte sie.

Schließlich zog sie ein vergilbtes Blatt hervor.
Darauf: krumme Zeichen, eingeritzt mit zittriger Hand. Runen, die sich wanden wie kleine Flammenzungen.

Sira legte es neben das neue Pergament.

Ihre Augen wurden schmal.

„Aha…“

Ein Zeichen wiederholte sich.
Nicht identisch – aber ähnlich.
Wie zwei Brüder, die sich lange nicht gesehen hatten.

Sie nahm ein Stück Kohle und begann, die Zeichen nachzuzeichnen.
Langsam.
Konzentriert.
Ungewohnt still.

„Wenn das hier… Feuer heißt…“, murmelte sie und tippte auf das bekannte Zeichen, „…dann bist du vielleicht… tragen… oder halten…“

Sie verzog das Gesicht.

„Oder du bist einfach nur Kringelzeug, das mich ärgern will.“

Sira schnaubte, lehnte sich zurück – und griff nach ihrem Becher. Leer.

„Natürlich.“

Sie stand auf, ging zur kleinen Kochstelle, goss sich einen Rest Met ein und kam zurück. Setzte sich. Starrte wieder auf das Pergament.

Diesmal länger.

Ruhiger.

Dann fiel ihr etwas auf.

Die Zeichen standen nicht einfach nur da.
Sie bewegten sich – kaum sichtbar, aber doch. Als würden sie im Licht flackern.

Sira blinzelte.

„…das ist neu.“

Sie beugte sich näher.
Ihr Finger folgte einer Zeile.

Plötzlich…
ein Bild.

Kein klares. Kein Traum.
Nur ein Eindruck.

Feuer.
Ein Speer.
Eine Hand, die ihn hält – und nicht verbrennt.

Sira riss die Hand zurück.

„Gut“, sagte sie trocken. „Also doch kein gewöhnlicher Zettel.“

Sie atmete tief durch, dann grinste sie schief.

„Na schön. Spielen wir dein Spiel.“

Sie zog eine zweite Schriftrolle hervor – diese war älter, fast zerfallen. Sie hatte sie vor Jahren einem sterbenden Seemann abgenommen, der etwas von „alten Zungen“ gefaselt hatte.

Damals hatte sie sie für wertlos gehalten.

Jetzt nicht mehr.

Sie begann, Zeichen für Zeichen zu vergleichen.
Nicht wie eine Gelehrte.
Sondern wie eine Jägerin, die Spuren liest.

Wiederholungen.
Abstände.
Linien, die immer wieder auftauchten.

„Du bist wichtig“, murmelte sie. „Und du… bist ein Name.“

Ihr Finger blieb auf einer Stelle stehen.

Aldur’Shar

Sie sprach es leise aus.

Im selben Moment flackerte das Licht der Kerze.

Sira erstarrte – dann grinste sie langsam.

„Hab ich dich also richtig gelesen.“

Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme.

„Ein Relikt, das auf seinen Namen hört…“, murmelte sie. „Das wird teuer.“

Doch diesmal lag ein anderer Ton in ihrer Stimme.
Nicht nur Gier.

Neugier.

Ein Funken von etwas, das sie nicht ganz benennen konnte.

Sie sah wieder auf das Pergament.

Und zum ersten Mal dachte sie nicht nur daran, es zu verkaufen.

Sondern daran, es zu finden.

„Also gut, Aldur’Shar“, sagte sie leise.
„Dann zeig mir, wo du bist.“

Die Zeichen flackerten schwach –
als hätten sie sie verstanden.

Und irgendwo tief unter Dornhafen…
regte sich etwas.

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