Der Erste Wächter – Aelendir Blattblick
Lange bevor der Waldorden gegründet wurde, bevor Mydor seine heutigen Grenzen kannte, streifte Aelendir Blattblick allein durch den Westwald. Er war der erste, den der Wald selbst erwählte – nicht wegen seiner Stärke, sondern wegen seiner Stille. Aelendir sprach wenig, hörte viel und konnte den Herzschlag der Erde fühlen.
Als der Wald begann, neue Gefahren aus dem Nordwesten zu spüren – dunkle Schwaden, die aus Nar’Morath herüberstiegen – wusste der Mutterbaum, dass ein Wächter gebraucht wurde. Und so geschah das, was nur in tiefster, heiliger Nacht möglich ist:
Aelendir träumte – und der Mutterbaum antwortete.
Im Traum führte ihn der Baum zu seiner Unterwurzeln, dort, wo die Urquelle im Licht des Mondes wie flüssiger Sternenstaub glitzerte. „Nimm von meinem Herzen“, wisperte eine Stimme, „und schmiede, was uns schützt.“
Als Aelendir erwachte, lag vor ihm ein Stück Erz. Grün. Warm. Pulsierend.
Wurzelstahl – so selten, dass selbst die Ältesten nur Legenden darüber kennen.
Die Schmiedung Blattfalls
Aelendir brachte das Erz zur Schmiedin Maevarn, deren Werkstatt tief im Ostwall verborgen lag. Sie war keine gewöhnliche Schmiedin; man erzählte sich, sie könne Stahl „horchen“ hören, so wie andere Menschen Musik.
Als sie das Erz berührte, sah sie Blätter wehen – mitten im geschlossenen Raum.
„Das ist kein Stahl“, sagte sie. „Das ist ein Versprechen.“
Drei Nächte lang schmiedete sie.
Drei Nächte lang glühte der Himmel über dem Ostwall in sanftem Grün.
Und als der vierte Morgen kam, lag auf ihrem Amboss eine Klinge, die wie ein junges Blatt im Sonnenlicht schimmerte.
So wurde Blattfall geboren.
Es war leicht, biegsam und doch unzerstörbar. Aelendir schwang es, als wäre es ein Teil seines Arms – und der Wald flüsterte seinen Namen noch am selben Tag durch die Wipfel.
Der Erste Bann in der Nebelkluft
Als die Schatten Nar’Moraths stärker wurden, breiteten sich graue Nebelzungen in die Nordwestgrenzen des Westwaldes aus. Sie krochen wie lebendige Wesen und raubten den Vögeln die Stimmen.
Die Nebelkluft war entstanden.
Und mit ihr erwachte etwas Altes, etwas, das selbst die Ältesten des Waldes nicht benennen wollten – ein Sturm aus Seele und Schatten. Viele nennen es heute den Ersten Bann, doch damals war es einfach nur Angst.
Aelendir war es, der sich der Kluft stellte.
Mit Blattfall an seiner Seite stieg er in den Nebel hinab – allein.
Manche sagen, die Nebel reagierten auf die Klinge wie auf einen Feind.
Manche sagen, sie reagierten wie auf einen Bruder.
Was in der Tiefe der Kluft geschah, weiß niemand.
Nur eines ist sicher: Aelendir kehrte zurück.
Blattfall nicht.
Er sagte, der Nebel habe die Klinge „verschluckt“, als wäre sie dorthin gezogen worden, wo die Stimmen nicht mehr sprechen. Aelendir selbst verlor nie ein Wort darüber, was er in der Kluft sah – und kurze Zeit später verschwand auch er im Westwald.
Manche im Orden glauben, Blattfall war nie verloren.
Nur… zurückgekehrt.
Zurück zu dem, der es einst geschaffen hat:
dem Wald selbst.
Echos der Legende
Noch heute berichten Wanderer, die sich zu tief in die Nebelkluft wagen, von einem grünen Schimmer zwischen den Schwaden. Manche hören ein leises Klingeln, wie von einer Klinge, die durch Blätter gleitet.
Der Wald schweigt darüber.
Wie er über alles schweigt, das zu alt ist für Menschenstimmen.
Doch eines weiß jeder Hüter:
Blattfall wird erst wieder erscheinen, wenn der Westwald einen neuen Wächter erwählt.
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